bulletin 2/2013

Vollversammlung der Konferenz Europäischer Kirchen KEK in Budapest

Von Esther Suter, Theologin und Fachjournalistin BR SFJ/ASJ.

«Was zögerst du noch?» Dieses Bibelzitat (Apg. 22, 14–16), einst an Paulus in Damaskus gerichtet, hatte die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) als Leitmotiv gewählt für ihre Vollversammlung in Budapest vom 3.– 8. Juli 2013. Die Delegierten der Mitgliedskirchen aus ganz Europa fanden sich ein, um über die KEK und ihren Auftrag in einem Europa im Umbruch Klarheit zu erhalten. Dabei ging es diesmal vor allem um eine neue Verfassung.

Eine sechsköpfige Delegation des Kirchenbundes, mit Vizepräsidentin Pfarrerin Kristin Rossier als Delegationsleiterin, verfolgte die Vollversammlung mit 470 Teilnehmenden. Der Kirchenbund als Gründungsmitglied der KEK unterhält seit 1959 vielfältige Beziehungen, unter anderem als Mitglied des Zentralausschusses und des Präsidiums. Pfarrer Serge Fornerod, Leiter Aussenbeziehungen des Kirchenbundes, moderiert die Kommission «Kirche und Gesellschaft», innerhalb dieser Kommission ist der Sankt-Galler Pfarrer Dr. Daniel Schmid Holz Mitglied der Arbeitsgruppe «Bildung und Gesellschaft». Eine andere Delegierte, die Genfer Kirchenratspräsidentin Charlotte Kuffer, hatte seit der Vollversammlung in Lyon 2009 in der Revisionsarbeitsgruppe an einer neuen KEK-Verfassung mitgearbeitet. Sie war in den Zentralausschuss auf den freigewordenen Sitz des früheren Kirchenbundspräsidenten Thomas Wipf gewählt worden. Neben der Jugenddelegierten Annina Hirsbrunner nahm auch der Bündner Kirchenrat Pfarrer Thomas Gottschall teil.

KEK als Brückenbauer

Die KEK wurde auf dem Hintergrund des Kalten Krieges 1959 ins Leben gerufen, um auf ökumenischer Ebene die Verbindungen zwischen Kirchen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs aufrecht zu erhalten. Als die KEK im Jahr 2009 an der Vollversammlung in Lyon ihr 50-jähriges Bestehen feierte, war eine wichtige Zielsetzung seit ihrer Gründung erfüllt: Es gelang, die Brückenfunktion zwischen Kirchen in Ost und West zu vertiefen. Insofern trug sie erheblich zur Wende 1989 bei. Die drei Europäischen Ökumenischen Versammlungen von Basel (1989), Graz (1997) und Sibiu (2007) fanden in Zusammenarbeit mit dem Partner der KEK, dem Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) statt. Der Präsident der CCEE, der katholische Primas Ungarns Kardinal Péter Erdö, betonte denn auch im Eröffnungsgottesdienst in Budapest die konstruktiven Beziehungen zur KEK und hob die «strategische Bedeutung» der Vollversammlung im Blick auf eine gemeinsame Zukunft der beiden Organisationen hervor.

Heute umfasst die KEK 126 orthodoxe, protestantische, anglikanische und christkatholische sowie kleinere Minderheitskirchen aus allen Ländern Europas. 40 Organisationen sind assoziierte Mitglieder.

In Budapest lag der «Uppsala-Bericht», die Empfehlungen zu einer Reform der seit 1992 geltenden Verfassung, zur Abstimmung vor: Die neue Verfassung soll der KEK ermöglichen, ihrem vielseitigen Auftrag in Europa gezielter nachzukommen und ihre Stimme als Zeugnis christlicher Kirchen in die europäischen Entscheidungsprozesse einzubringen. Die Europäische Union garantiert mit Artikel 17 ihres Lissabon-Vertrags den Dialog mit den Religionen, Kirchen, Bekenntnisgemeinschaften und der Zivilgesellschaft. Das KEK-Büro in Strassburg, das Beziehungen zum Europarat unterhält, wird weiterhin beibehalten, während der ehemalige Hauptsitz von Genf baldmöglichst nach Brüssel verlegt und mit den dortigen Büros der KEK vereint wird.

Quotenregelung abgeschafft

Kompromisse mussten geschlossen werden. So verfehlte zum Beispiel eine seit über zwanzig Jahren bestehende Quotenregelung knapp die Mehrheit. Sie hatte ein Gleichgewicht für Gender und Jugendliche im Zentralausschuss garantiert. Ebenfalls verlieren assoziierte Organisationen mit der neuen Verfassung ihren Beobachterstatus, wovon mehrere Jugend- und Frauenorganisationen betroffen sind. Die Abschaffung des Beobachterstatus für Partnerorganisationen und der Quote für Jugendliche und Frauen ist jedoch «eher Etikettenwechsel als grundlegende Änderung», so Serge Fornerod. Die Quoten würden auf der Ebene der Zusammensetzung des neuen Rates genauestens beachtet. Eine Delegierte, welche sich gegen die Abschaffung gewehrt hatte, lobte denn nachträglich auch die Ausgewogenheit für die verschiedenen Minderheiten im neuen Rat.

Die KEK – eine gesamteuropäische Plattform

«Die reformierte Stimme aus der Schweiz soll auch in Brüssel gehört werden, wenn es zum Beispiel um Fragen wie Menschenrechte oder ethische Urteilsfindung geht», so Kristin Rossier zur Bedeutung der KEK für den Kirchenbund. Für Serge Fornerod bot die KEK vor der Wende eine der seltenen Möglichkeiten, Beziehungen mit Kirchen des Ostens, wie zum Beispiel der Orthodoxen Kirche, zu pflegen. «Auch heute bleibt die KEK als kontinentale Organisation die einzige gesamteuropäische Plattform zwischen Protestanten, Anglikanern, Altkatholiken und Orthodoxen. Sie versammelt die Mitgliedskirchen des Weltkirchenrates und ist Partnerin der CCEE. Sie führt die Kirchen und protestantischen sozial- ethischen Netzwerke zusammen, welche die Arbeit der Europäischen Kommission begleiteten.»

Nach der Annahme der neuen Verfassung sei es Aufgabe des am 8. Juli gewählten neuen Rates der KEK, deren Strategie festzulegen. Es sei wünschenswert, mit strafferen Strukturen intensiver zusammen zu arbeiten. Denn der Eindruck überwog, dass die KEK nicht eine, sondern mehrere Strategien und ebenso viele verantwortliche Organismen hatte. Das führte zu Konfliktsituationen und Zweifel an der Nützlichkeit der KEK, erklärte Fornerod. «Die KEK hat ihre Arbeit um drei Themen gruppiert, die den meisten europäischen Kirchen gemeinsam sind: die sozial-ethische Arbeit der Beobachtung der Entwicklungen der EU, die Frage der Migration und des Asylrechts und schliesslich der Bereich der ökumenisch- theologischen Reflexion und der ökumenischen Beziehungen in Europa.» Was die Koordination der internationalen Arbeit angeht, sind die dort beteiligten Kirchen gefragt. Es seien dieselben Kirchen, die nationale Büros unterhalten und für einen Umzug der KEK von Genf nach Brüssel votiert haben. «Es gilt ein neues Gleichgewicht zu finden zwischen bilateralen und multilateralen Beziehungen gegenüber der EU. Aber die EU oder der Europäische Rat wissen bei ihren Ansprechpartnern genau zu unterscheiden zwischen nationalen und europäischen Interessen. Das ist ihr Brot seit 40 Jahren», so Fornerod.

Näher an der Lebenswirklichkeit der Kirchen

Kommentar von Serge Fornerod