bulletin 2/2013

Vom Kirchenbund zur Kirchengemeinschaft

Von Felix Frey.

Die Kirchen des Kirchenbundes wollen ihr Bündnis stärken und das Gemeinsame verbindlicher gestalten.

Die Kirchen des Kirchenbundes haben beschlossen, ihr gemeinsames Verständnis von Kirche neu zu definieren. Seit mehreren Jahren führen sie deshalb einen intensiven Dialog über ihre Zusammenarbeit und ein Handeln in verbindlicherer Form. Ort der Reflexion ist der Schweizerische Evangelische Kirchenbund, bis jetzt ein privatrechtlicher Verein, dem alle evangelischen Kantonalkirchen, die Methodistische Kirche und die Evangelische Freikirche in Genf angehören. Als Ziel der Gespräche haben sich die Kirchen vorgenommen, den Kirchenbund mit einer neuen Verfassung einzukleiden: Es soll diejenige Verfassung gewählt werden, die den Aufbruch in eine gemeinsame Zukunft am besten vorbereitet.

Wandel der Zeit

Die bisherige Verfassung von 1950 datiert aus der Zeit unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg. Seither hat sich die Gesellschaft stark verändert: Mit der Pluralisierung der Lebensformen, der Individualisierung und einem stärkeren Drang zur Selbstverwirklichung hat die Kirche heute nicht mehr die Stellung und Aufmerksamkeit, die sie damals hatte. Kirche wird auch in den Massenmedien anders wahrgenommen; sie hat keine selbstverständliche moralische Autorität mehr. Das Neue, Sensationelle und Aufregende zählt.

Noch steht die Kirche im Dorf. Aber die Zeichen der Zeit sind zu erkennen und es drängt, dass die Mitgliedkirchen eine gemeinsame Antwort finden, wie den Folgen des gesellschaftlichen Wandels in einer veränderten Welt zu begegnen sei.

Entwurf zu einer Verfassung der Evangelischen Kirche in der Schweiz

Ende Mai 2013 ging der Entwurf einer neuen Verfassung in die Vernehmlassung. Es wird eine neue Synode vorgeschlagen – für die Stärkung der Einheit unter den evangelischen Kirchen und Glaubensgemeinschaften. Weiter soll die Wirksamkeit der evangelischen Kirche in der Schweiz erhöht werden: Der Rat, der sie auf nationaler Ebene vertritt, ist dafür kollegial verantwortlich. Hinzu tritt neu in persönlicher Verantwortung die Präsidentin oder der Präsident des Rates. Ihre oder seine Aufgabe ist es, die Sichtbarkeit der evangelischen Kirche in der Schweiz zu verbessern. Alle drei Glieder zusammen, also die Synode, der Rat und die Ratspräsidentin oder der Ratspräsident, bilden gemeinsam die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in der Schweiz (EKS).

Kirche und Verein

Laut bisheriger «Verfassung» ist der Kirchenbund ein Verein nach Privatrecht. Die noch geltenden Bestimmungen haben somit den Charakter eines Vereinsstatuts, das vorwiegend zwei Zwecke vorsieht: Erstens die Interessenwahrung für die Mitgliederkirchen, zweitens die Stärkung des Protestantismus in der Schweiz. Auch alle Aspekte des gemeinsamen Kirche-Seins werden bisher in den Vereinsstatuten verhandelt.

Neu sollen die evangelischen Kantonalkirchen nun eine Verfassung beschließen, die über den bisherigen Verein herauswächst. Sie beschließen dies auf kirchenrechtlicher Grundlage und bekennen sich zu einer Kirchengemeinschaft.

Erstmals erhält die evangelische Kirche somit auf nationaler Ebene eine Kirchenverfassung, der diese Bezeichnung gebührt. Und neu werden die Leitungsglieder der Evangelischen Kirche in der Schweiz ekklesiologisch bestimmt: Die Synode verantwortet die Einheit der Kirche, der Rat die Wirksamkeit, die Ratspräsidentin oder der Ratspräsident die Sichtbarkeit.

Der bisherige Verein wird zwar weitergeführt – neu aber unter dem Namen «Verein Evangelische Kirche in der Schweiz» (Verein EKS). Seine Zuständigkeit beschränkt sich auf die Finanzierung Kirche und die Festlegung der Mitgliedsbeiträge.

Die Kirche und der Verein EKS bleiben über ein gemeinsames Organ verbunden: Der Rat der Kirche (EKS) ist der Vorstand des Vereins (Verein EKS). Kirche und Verein werden somit in Personalunion geführt.

Selbstverständnis der Evangelischen Kirche in der Schweiz

Die EKS soll mehr sein als der kleinste gemeinsame Nenner der evangelischen Kantonalkirchen. Die EKS versteht sich aber weder als Speerspitze des Protestantismus, noch als dessen exakter Durchschnitt.

Auf Ebene der Kantone sucht die EKS die Mitte der evangelischen Kantonalkirchen: Je stärker die Synode, je reger der Dialog, desto mehr rückt die EKS in den Mittelpunkt. Zudem ist die EKS Kirche, eine Kirche auf Bundesebene. Anders zwar als die Kantonalkirche, die im eigenen Territorium mit seinem politischen und kulturellen Klima gewachsen ist und weiter wächst und die im Laufe der Geschichte zu eigenen Antworten fand und in der Gegenwart eigene Antworten finden muss. Aber als Bundeskirche ist die EKS ebenso Kirche, ohne Territorium zwar, aber genauso in einem spezifischen Klima befangen: Auf Bundesebene machen «das Wetter» die Erwartungen der Gesellschaft, die Aufmerksamkeit der Medien, die Eigenheiten des politischen Prozesses und die Dynamik der Ereignisse weltweit. Von einer Kirche auf Bundesebene wird verlangt, dass sie schnell reagiert, will sie wahrgenommen werden, dass sie mit einer Stimme spricht, will sie ernst genommen werden und dass sie Position bezieht, will sie als verlässlich gelten. Zudem hat eine Kirche auf Bundesebene aufmerksam das Geschehen zu verfolgen und den Überblick zu wahren, will sie in ihrer Pflicht als Wächterin nicht nachlassen.

Somit will die EKS zugleich eigene Kirche auf Bundesebene wie auch Ort der Mitgliedkirchen sein. Im Idealfall befindet sich dieser Ort genau in der Mitte aller evangelischen Kirchen, Glaubensgemeinschaften und Kommunitäten. Wir hoffen, dass mit dieser neuen Verfassung einer Evangelischen Kirche in der Schweiz die evangelische Stimme deutlicher wird. Wir wünschen den evangelischen Kirchen, Glaubensgemeinschaften und Kommunitäten damit den bestmöglichen Start in eine gemeinsame Zukunft.

Das Wichtigste aus dem Verfassungsentwurf kurz erklärt