bulletin 2/2013

Zwischen Heilung und Heil

Drei Fragen zur theologisch-kirchlichen Diskussion über Spiritual Care an Frank Mathwig, Beauftragter für Theologie und Ethik des Kirchenbundes.


Von Frank Mathwig.

Theologie und Medizin haben es nicht immer leicht miteinander. Die Verunglimpfung der medizinischen Anatomen durch die Kirchenväter Tertullian und Augustinus war folgenreich für die Geschichte der Medizin in Europa. Inzwischen sind die Karten neu gemischt.

Das biologisch-naturwissenschaftliche Weltbild der modernen Medizin provozierte in der Theologie und in den Kirchen manche Erklärungsnot. Bei medizinischen Notfällen begeben sich auch Christinnen und Christen selbstverständlich – und ungeachtet mancher Nebenwirkungen – in die Hände der «Halbgötter in Weiss» und überlassen sich nicht ausschliesslich dem «Christus medicus » (vgl. Ex 15, 26) und «Heiland» (vgl. Heidelberger Katechismus, Frage 1). Die moderne Theologie hat dafür die passende Erklärung parat: Es müsse kategorisch zwischen der medizinischen Heilkunst und dem gottgewirkten Heil unterschieden werden. Das entspricht zwar nicht ganz den neutestamentlichen Wundergeschichten, in denen körperlich-seelische Heilung und Heil sehr wohl zusammengehören. Für solche funktionale Aufteilung der Zuständigkeiten sprechen allerdings nicht nur die hohe Alltagstauglichkeit, sondern auch, dass sich damit Kirche und Medizin nicht (mehr) ins Gehege kommen.

Die kirchlich-medizinische Arbeitsteilung scheint neuerdings gefährdet. Denn Medizin, allen voran die Palliativmedizin, dringt zunehmend in einen Bereich vor, der bisher zu den exklusiven Aufgaben von Kirchen und Religionsgemeinschaften gehörte: die menschliche Religiosität und Spiritualität sowie ihre Begleitung bzw. Seelsorge. Seit Ende der 1960er Jahre wird in den angelsächsischen Ländern eine «spirituelle Wende» diagnostiziert. Den medizinischen Durchbruch von Spiritualität leistete die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die 1995 «Spirituality/Religion/Personal beliefs» als eine Kategorie in ihren Fragebogen zur Erhebung gesundheitsbezogener Lebensqualität aufnahm. Was religiöse Menschen seit jeher wussten, wird heute auch von Medizin und Psychologie bestätigt: Spirituelle Ressourcen (Copingstrategien) haben einen positiven Einfluss auf den Umgang und die Bewältigung von Krankheiten, auf die Prävention und Vermeidung bestimmter Risikofaktoren sowie auf die persönliche Lebenszufriedenheit. Entsprechend boomt Spiritual Care als Dienstleistung im Rahmen von Palliative Care auch in der Schweiz.

Die Nationale Richtlinie Palliative Care von 2010 betont: «Die spirituelle Begleitung leistet einen Beitrag zur Förderung der subjektiven Lebensqualität und zur Wahrung der Personenwürde angesichts von Krankheit, Leiden und Tod. Dazu begleitet sie die Menschen in ihren existenziellen, spirituellen und religiösen Bedürfnissen auf der Suche nach Lebenssinn, Lebensdeutung und Lebensvergewisserung sowie bei der Krisenbewältigung. Sie tut dies in einer Art, die auf die Biografie und das persönliche Werte- und Glaubenssystem Bezug nimmt.» In diesem Verständnis von Spiritualität spiegeln sich typische Erfahrungen unserer Zeit wider: die Rückkehr der Religion einerseits verbunden mit den soziologisch und psychologisch breit diskutierten sozialen Flexibilisierungs- und Individualisierungsschüben andererseits. Der Auflösung traditioneller religiöser Milieus, der Individualisierung und Privatisierung religiöser Praxis, der Zunahme nicht-institutionalisierter und konsumentenorientierter «Religiosität» entspricht ein Spiritualitätsbegriff, der individuelle Reflexion, Selbstwahrnehmung oder auch Selbsttranszendierung betont.

Pippi-Langstrumpf-Spiritualität – believing without belonging

Mit der neuen spirituellen Suche nach Welterklärung, Lebenssinn und Lebensorientierung ist kirchliche Spitalseelsorge in besonderer Weise konfrontiert. Die Reaktionen sind ambivalent. Der Genugtuung über die medizinische Anerkennung der Seelsorge am Krankenbett steht die Frage gegenüber, ob und wie jene Bedürfnisse nach Spiritualität mit dem Anliegen christlicher Seelsorge zusammengehen. Die Meinungen dazu sind überaus kontrovers. Hinzu treten pragmatische und kirchenpolitische Überlegungen: Muss kirchliche Seelsorge angesichts ihres gesellschaftlichen Bedeutungsverlusts nicht die ihr gebotene Chance nutzen und ungeachtet aller theologischen Vorbehalte auf den fahrenden Spiritualitätszug aufspringen? Ist das nicht eine willkommene Gelegenheit für die Kirche, verloren gegangenes gesellschaftliches Terrain zurückzugewinnen?

Das Problem liegt tiefer. Ein Blick in die deutschsprachige theologische Literatur zeigt, dass Spiritualität lange Zeit kein Thema war und erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts vermehrt auftaucht. Was meint überhaupt Spiritualität aus christlich- kirchlicher Sicht? Es hat sich eingebürgert, zwischen einer «romanischen » und «angelsächsischen» Traditionslinie von Spiritualität zu unterschieden. Während die spiritualité auf die katholische Ordenstheologie in Frankreich vom 17. bis Anfang 20. Jahrhundert zurückgeht, entsteht die spirituality Ende des 19. Jahrhunderts in der angelsächsischen Welt. Die katholische Tradition übersetzte Spiritualität mit Frömmigkeit und verband damit Vorstellungen eines Lebens «aus dem Geist», «in Christus», oder «im anbrechenden Gottesreich». Diese Spiritualität drückte sich aus in stark vorgeprägten Übungen (Exerzitien) und einer dezidierten kirchlichen Gemeinschaftspraxis. Dagegen nimmt die angelsächsische Traditionslinie eine streng individualistische Perspektive ein und fokussiert auf die subjektive und individuelle Verinnerlichung von Religion, in der Regel in grossem Abstand zu einer «offiziellen» Religionsgemeinschaft. Zugespitzt formuliert, orientieren sich Kirchen am romanischen, die Medizin am angelsächsischen Modell.

Beide Traditionslinien stehen nicht unverbunden nebeneinander. Evangelische Theologie hat einen traditionell unverkrampften Blick auf Pluralität und personale Individualität. Die Vermittlungsbemühungen zwischen individualistisch verstandener Spiritual Care und christlicher Seelsorge gehen entsprechend weit. Für den Praktischen Theologen Traugott Roser ist Spiritualität «genau – und ausschliesslich – das, was der Patient dafür hält». Tatsächlich hat der Patient in einer bestimmten Situation genau das spirituelle Bedürfnis, das er als solches empfindet und gegenüber der Spitalseelsorgerin artikuliert. Aber geht in dieser Patientensicht alles auf, was die Gesprächspartnerin aus ihrer Perspektive «spirituell» in die Interaktion einbringen kann? Roser scheint diese Ansicht zu vertreten, wenn er die Unbestimmtheit von Spiritualität als Garant für die Freiheit des Individuums vor dem «Zugriff durch bestimmte Religionen und Religionsgemeinschaften» betrachtet. Spiritualität stünde für die «Unverfügbarkeit» der Person im Sinne der Religionsfreiheit auch gegenüber der eigenen Religionsgemeinschaft.

Der institutionenkritische Impuls von neuer Spiritualität ist unverkennbar. Sie begegnet befreit von dogmatischen Glaubenssätzen, «christentümlichen Altlasten» (Doris Nauer) und einer problembehafteten Christentumsgeschichte, gibt sich universell und friedfertig im Gegensatz zu kirchlichem Fundamentalismus und militantem, missionarischem Eifer, ist persönlich gewollt und nicht kollektiv adaptiert, zeigt sich authentisch anstatt nur sozial gelernt. Kirche dient mehr oder weniger explizit als Negativfolie für ein emanzipiertes Verständnis von Spiritualität. Letzteres stösst auch bei vielen Kirchenmitgliedern auf Zustimmung. Individualistische Spiritualität wirkt wie der lang ersehnte Befreiungsschlag gegenüber verstaubten, als autoritär wahrgenommenen Frömmigkeitsstilen kirchlicher Gemeinschaft.

Unbestreitbar kommt in der Sehnsucht nach neuer Spiritualität auch die Unzufriedenheit an einer versteinerten, sich in leblosen oder lebensfremden Ritualen ergehenden Kirchlichkeit zum Ausdruck. Die Reformatoren wussten, dass Kirche nur als reformatorische Kirche (semper reformanda) Kirche Jesu Christi ist. Die Forderung nach Erneuerung kirchlicher Gemeinschaft zielt deshalb auf etwas völlig anderes als die Propagierung ihrer Abschaffung. So sehr Spiritualität einem individuellen Bedürfnis entspringt, so wenig lässt sich christliche Frömmigkeit individuell oder auch kollektiv herstellen. Ausser bei Pippi Langstrumpf geht die Lebensphilosophie «Ich mach’ mir die Welt [Spiritualität], wie sie mir gefällt» nicht auf. Die kirchliche Antwort auf menschliche Leiderfahrungen lautet deshalb, dass Menschen in ihrer Not gerade nicht auf sich selbst gestellt und von den zweifellos hilfreichen Fach- und Sozialkompetenzen anderer abhängig sind. Die Behauptung, dass jede und jeder Produzent ihrer resp. seiner Spiritualität sei, folgt der gleichen Logik wie Münchhausens Notfallplan, sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen. Dem Lügenbaron fehlt die Hebelauflage des archimedischen Punktes, einer individuell konstruierten Spiritualität jeder beziehungs- und sinnstiftende Referenzpunkt. Christliche Frömmigkeit eben nicht von innen, aus dem Menschen selbst, sondern in Jesus Christus von aussen, auf den Menschen zu. Christliche Spiritualität ist grundsätzlich empfangene und durch die Beziehung des Schenkendem zur Beschenkten konstituiert. Der Raum dieser Beziehung ist die mit dem Geschenk gestiftete christliche Gemeinschaft. Kurz: Christliche Spiritualität ist kirchliche Spiritualität, erfahren in der untrennbaren Einheit von je eigener geistlicher Praxis und geistlicher Gemeinschaft.

Mut zur Lücke – kirchliche Seelsorge jenseits von Unkenntlichkeit und Anpassungszwang

Dass die medizinischen Spiritualitätsdebatten eine Herausforderung für Theologie und Kirche darstellen, spürt jede Spitalseelsorgerin und jeder Spitalseelsorger am eigenen Leib: Ihre und seine Kompetenzen sind mehr denn je gefragt, das kirchliche Fundament wird dagegen häufig und vehement abgelehnt. Der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio hat für das kirchliche Dilemma eine provozierende, aber verblüffend einfache Lösung parat. Auf die Patientenantwort bei der Frage, ob ein Seelsorgegespräch gewünscht sei: «Na ja, wissen Sie, ich bin nicht sehr religiös», kontert der Arzt: «Unsere Seelsorger auch nicht!» Die Anekdote mag ein medizinisches Symposium erheitern, für kirchliche Ohren hat sie den bitteren Beigeschmack von Peinlichkeit, Desillusionierung und Ausverkauf. Denn trifft sie zu, ist die Kirche in der Spitalseelsorge bereits weg vom Fenster, trifft sie dagegen nicht zu, stellt sich immerhin die Frage, was den Mediziner zu dieser Behauptung veranlasst hat. Vielleicht hat der Arzt nicht so genau hingehört oder ist religiös eher unmusikalisch oder schlichtweg desinteressiert. Unabhängig davon stimmt seine Meinung mit vielen Erfahrungen in der kirchlichen Spitalseelsorge überein: Das Seelsorgeinteresse von Patientinnen und Patienten verhält sich umgekehrt proportional zur Offenlegung der spirituellen Heimat der Seelsorgenden.

Aus solchen – auch frustrierenden – Erfahrungen resultiert manchmal eine defensive Haltung: besser schweigen, als Ablehnung riskieren. Gegen die Strategie spricht nichts, solange sie sich nicht zur Botschaft verselbständigt. Das Patientenbedürfnis darf nicht zum normativen Regulativ seelsorgerlicher Begleitung werden. Damit würde Seelsorge zur schlichten Komplizenschaft heterogener Patienteninteressen. Kirchliche Seelsorge ist nicht nur konfrontiert mit religiöser Pluralität, sondern Teil davon und tritt deshalb – auch gegenüber Patientinnen und Patienten – mit dem Anspruch auf, als Mitspielerin im pluralen Konzert wahrgenommen und respektiert zu werden. Gerade weil sie nicht Dirigentin sondern Chormitglied ist, kann und muss sie ihren Beitrag selbstbewusst und einladend einbringen. Das ist durchaus wörtlich gemeint. Die biblisch-christliche Tradition verfügt über einen ganz eigenen Schatz von Psalmen, Liedern, Gebeten und Texten, die ansprechen und Trost spenden, auch dort, wo uns selbst die Worte im Hals stecken bleiben. Vom Spiritualitätsverständnis in der Medizin kann kirchliche Seelsorge nichts lernen – das Selbstbewusstsein, mit der die Medizin auftritt, stünde Kirche und Theologie aber allemal gut an.

Replik der Vereinigung der deutschschweizerischen evangelischen Spital-, Heim- und Klinikseelsorger und -sorgerinnen