bulletin 2/2014

Erste Schritte zur Unterstützung ehemaliger Verdingkinder

Von Simon Hofstetter, Beauftragter für Recht und Gesellschaft des Kirchenbundes, und Marina Kaempf, Beauftragte für Kommunikation.

Der im vorigen Jahr von Bundesrätin Simonetta Sommaruga ins Leben gerufene Runde Tisch für Verdingkinder hat im Juli seine Empfehlungen den Schweizer Behörden überreicht und zugleich erste Hilfsmassnahmen für die Opfer in die Wege geleitet.

Jahrzehntelang wurden in der Schweiz Zehntausende von Kindern und jungen Erwachsenen in Fremdfamilien, Heime, ja sogar in Gefängnisse gesteckt, weil sie Waisen waren oder weil die Gesellschaft ihr Familienmodell als unschicklich betrachtete. Unzählige Kinder wurden misshandelt, und viele leiden heute noch unter den Folgen (siehe Kasten nächste Seite).

Der Runde Tisch für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen unter der Federführung des Bundesamtes für Justiz führt ehemals «platzierte» oder zu Unrecht in Gefängnisse gesperrte Kinder sowie Vertreter der Aufsichtsbehörden, insbesondere der Sozialdienste, der Kirchen und des Bauernverbandes, zusammen. Als erste Massnahme wurde ein «Soforthilfefonds » für die heute zumeist hochbetagten Opfer eingerichtet. Vielen ehemaligen Verdingkindern war in ihrer Jugend jegliche Ausbildung versagt. So haben sie sich lebenslang in einer prekären finanziellen Situation befunden. Manche von ihnen verzichten beispielsweise heute noch darauf, einen Zahnarzt aufzusuchen.

Die reformierten und katholischen Kirchen der Schweiz haben beschlossen, einen Beitrag zum Soforthilfefonds zu leisten. Die reformierten Kantonalkirchen haben dem Aufruf des Kirchenbundes zur Durchführung einer Kollekte im Frühjahr 2015 zugestimmt. Viele sehen für die Kollekte den Ostersonntag vor.

Gestohlene Kindheit: Die Aufarbeitung beginnt erst

Jahrzehntelang und bis 1981 wurden in der Schweiz Tausende von Personen in Gefängnisse gesperrt, obwohl sie nichts verbrochen hatten. Sie wurden ohne gerichtliches Verfahren wegen «Faulheit, Lasterhaftigkeit oder Trunksucht» inhaftiert. Jugendliche sowie ledige Mütter wurden wie Kriminelle behandelt und konnten ihre Situation nicht gerichtlich überprüfen lassen. Parallel wurden Waisen, Kinder aus armen Familien und Kinder von Alleinerziehenden in Heimen oder bei Landwirten «platziert». Viele wurden als billige Arbeitskräfte missbraucht, mussten hart arbeiten und mitunter schwere Misshandlungen über sich ergehen lassen. Andere wurden zwangssterilisiert, ohne medizinischen Grund in psychiatrische Anstalten gesperrt oder mussten als unfreiwillige Versuchskaninchen für die Pharmaindustrie herhalten. In all den Jahren hat ihr Schicksal nur selten jemanden bewegt und keinerlei offizielle Resonanz gefunden.

Eine Reihe parlamentarischer Interventionen sowie eine ganze Anzahl literarischer bzw. filmischer Werke – das bekannteste Beispiel ist sicherlich der Film «Der Verdingbub» von Markus Imboden aus dem Jahre 2011 – brachten es jedoch fertig, die Gewissen zu wecken, und führten schliesslich zu der von Justizministerin Simonetta Sommaruga initiierten Gedenkveranstaltung am 11. April 2013, auf der die Bundesrätin die Opfer offiziell um Entschuldigung bat. Bei diesem Anlass hat sich auch der Vorsitzende der Schweizer Bischofskonferenz Markus Büchel im Namen der drei Landeskirchen bei ihnen entschuldigt. Der Runde Tisch für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen wurde im Anschluss an die Gedenkveranstaltung gegründet und hat sich die Aufarbeitung der Geschehnisse auf diesem wichtigen Feld der Schweizer Geschichte vorgenommen. Ein Artikel zu diesem Thema ist bereits im bulletin 1/2013 des Kirchenbundes erschienen.

Die Soforthilfe ist keine Entschädigung für das erlittene Unrecht, sondern lediglich eine Geste der Solidarität mit notleidenden Seniorinnen und Senioren. Sie stellt eine provisorische Lösung bis zur Schaffung einer gesetzlichen Grundlage für die Gewährung von Unterstützungsleistungen an die Opfer dar. Langfristig schlägt der Runde Tisch die Einrichtung eines Solidaritätsfonds zugunsten der Betroffenen vor. Selbst wenn Geld das erlittene Unrecht nicht ungeschehen machen kann, setzt die Gewährung von Geldleistungen an die Betroffenen ein Zeichen der Solidarität sowie der Anerkennung der begangenen Verfehlungen, so die beim Runden Tisch vertretenen Parteien.

Licht in die Geschehnisse bringen

Die Schweiz hat vor dem Drama der Verdingkinder lange die Augen verschlossen. Viele dieser Kinder bekamen bei den Behörden oder bei den Heimen, in denen sie früher platziert waren, nie Einsicht in ihre Akten. Der Runde Tisch hat nun Richtlinien für die Kantone und Kommunen aufgestellt, damit die Opfer endlich ohne unnötige administrative Hürden ihre Akten einsehen können. Er fordert die Archivmitarbeitenden auf, den Betroffenen auch in Zukunft gegebenenfalls bei der Formulierung von Bestreitungsvermerken sowie von in ihren Augen korrekten Gegendarstellungen zu helfen.

Eine historische Aufarbeitung der Geschehnisse hat bislang nicht stattgefunden. Ein erster Schritt zur Rehabilitierung derjenigen, die zu Unrecht in Gefängnisse gesperrt worden waren, ist indes durch das Bundesgesetz über die Rehabilitierung administrativ versorgter Menschen bereits erfolgt. Das im August 2014 in Kraft getretene Gesetz erkennt das geschehene Unrecht an, sieht eine wissenschaftliche Aufarbeitung der administrativen Versorgungen vor und garantiert sowohl die Archivierung der Akten über die Platzierungen als auch das Recht auf Einsichtnahme. Der Runde Tisch hält eine breiter angelegte Aufarbeitung für notwendig, die sämtliche Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen mit einschliesst. Er schlägt die Auflegung eines vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanzierten nationalen Forschungsprogramms vor.

Eine Chance für die Schweiz und für die Kirche

Auch in der Kirche hat noch keine historische Aufarbeitung stattgefunden. Diese ist deswegen wichtig, weil es seitens der damaligen Pfarrerschaft vielfach Verfehlungen gab. Es existieren aber auch positive Vorbilder wie das des Pfarrers Albert Wild, der in seinem bereits 1907 erschienenen Buch die Missbräuche und Misshandlungen an fremdplatzierten Kindern und Jugendlichen anprangerte.

Es geht nicht darum, bestimmte Personen anzuklagen. Vielmehr soll erkennbar werden, in welchem Ausmass und auf welche Art Kinder gelitten haben. Wie im Abschlussbericht des Runden Tisches zu lesen ist, bietet diese Erinnerungsarbeit der Schweiz «eine historische Chance, dieses schwierige Kapitel aufzuarbeiten und gleichzeitig dazu beizutragen, dass sich solches Unrecht nicht wiederholt».

Eidgenössische Volksinitiative

Ein weiteres Projekt zur Rehabilitierung ehemaliger Verdingkinder ist die im Frühjahr 2014 von einer Gruppe von Betroffenen lancierte eidgenössische Volksinitiative zur Wiedergutmachung. Sie fordert die Einrichtung eines mit 500 Millionen Franken ausgestatteten Fonds für die Wiedergutmachung des Unrechts, das den am schwersten betroffenen Opfern zugefügt wurde, sowie eine «wissenschaftliche Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der Schweizer Geschichte».

Der Präsident des Kirchenbundes Gottfried Locher sowie der Präsident des Synodalrats der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn Andreas Zeller unterstützen die Wiedergutmachungsinitiative und gehören dem entsprechenden Unterstützungskomitee an.