Aufruf der christlichen Kirchen und der jüdischen Gemeinschaft zum Flüchtlingssonntag und Flüchtlingssabbat vom 14./15. Juni 2014

«Herr, wie zahlreich sind deine Werke! / Mit Weisheit hast du sie alle gemacht, / die Erde ist voll von deinen Geschöpfen. [...] Sie alle warten auf dich, / dass du ihnen Speise gibst zur rechten Zeit. Gibst du ihnen, dann sammeln sie ein; / öffnest du deine Hand, werden sie satt an Gutem.» (Ps 104,24.27‒28)

„Öffnest du deine Hand, werden sie satt an Gutem (Ps 104)“
Symbolbild: istockphoto.com

» Aufruf herunterladen (deutsch) (italiano)

‹Überfüllt!› Mit dieser Behauptung wird länger schon erfolgreich Abgrenzungspolitik betrieben. Dabei hat das Wort ‹füllen› eigentlich einen ganz anderen Sinn. Ursprünglich begegnet es in der Bibel als göttliche Verheissung: «Dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt» (Ps 24,1) und « Die Fülle deiner Tenne und den Überfluss deiner Kelter sollst du nicht für dich behalten» (Exodus 22,28). Ein Leben in Fülle wird den Menschen in Aussicht gestellt, nicht nur den Bewohnern der nördlichen Hemisphäre, nicht nur denen, die das Glück hatten, in friedliche Verhältnisse und Wohlstandsgesellschaften hineingeboren zu sein, sondern der ganzen Menschheit. Es ist genug für alle da – das ist die Zusage Gottes, des Herrn der Welt! Genügend Nahrung, genügend Lebensraum, genügend Freiheit, genügend Rechte, genügend Beteiligungsmöglichkeiten – vor allem: genügend Solidarität, genügend Mitmenschlichkeit, genügend Respekt und genügend Gerechtigkeit.

Aus ökonomischer Sicht sind die Güter dieser Welt knapp. Die Vorstellung, dass nicht genug für alle da sei, fördert Konkurrenz und Misstrauen. Das ist nicht der biblische Blick. Fülle begegnet in den biblischen Geschichten immer dort, wo Menschen bereit sind abzugeben und zu teilen. Die göttliche Verheissung der Fülle gilt zuerst denjenigen, die in unserer Gesellschaft benachteiligt sind, an den Rand gedrängt werden oder als unerwünscht gelten. Gottes Zusage vom Sattwerden an Gutem zeigt sich nicht von selbst. Wir erkennen das empfangene Gute erst, wenn wir es teilen. Für uns selbst behalten, erscheint es lediglich als Besitz, mit den Menschen geteilt, wird es zur göttlichen Fülle.

Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund
Pfr. Dr. Gottfried Wilhelm Locher, Ratspräsident

Schweizer Bischofskonferenz
Bischof Markus Büchel

Christkatholische Kirche der Schweiz Bischof
Dr. Harald Rein

Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund
Dr. Herbert Winter