Für das Ende der Kampfhandlungen in Gaza

Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund ist bestürzt über die Eskalation der Gewalt in Gaza und möchte deshalb den Hilferuf der Evangelisch-Lutherische Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land ELCJHL weiterleiten. Der Bischof der ELCJHL, Munib Younan, bittet "alle Menschen guten Willens, in die gegenwärtige untragbare Situation von Gewalt und Blutvergießen einzugreifen." Younan, gleichzeitig Präsident des Lutherischen Weltbundes, schreibt: „Ihr Eingreifen und Handeln schafft Hoffnung in einer hoffnungslosen Situation. Wenn es uns nicht gelingt, Schritte in Richtung Frieden zu unternehmen, werden wir in der Geiselhaft des Extremismus verharren müssen. Lassen Sie uns in diesem Moment nicht alleine.“ Der Kirchenbund lädt die Kirchen ein, für den Frieden in der Region zu beten.
CC/The Lutheran World Federation

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land ELCJHL ruft zum sofortigen Waffenstillstand in Gaza auf

„In der Not rufe ich Dich an“ – Psalm 86,7

Im Angesicht der Bombardements, dem Heulen der Sirenen, dem Weinen der Mütter und Kinder, der Krankenwagen voller Verletzter und der Menschen, die in Angst leben, erhebt die Evangelisch-Lutherische Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land (ELCJHL) ihre Stimme zu Gott. Wir wenden uns auch an unsere christlichen Brüder und Schwestern und an alle Menschen guten Willens, auf dass dieser neuerliche Ausbruch der Gewalt zwischen dem Staat Israel und dem palästinensischen Volk beendet werde.

In diesen Tagen sind viele unter uns sehr niedergeschlagen und frustriert; sie fragen sich, wie es mit diesem Land und einem Großteil des Nahen Ostens weitergehen soll. Als Kirche, die sich schon immer vehement gegen Gewalt als Mittel der Konfliktlösung ausgesprochen hat, sind wir zutiefst erschüttert von der Entführung und Ermordung dreier israelischer Jugendlicher und der Entführung eines palästinensischen Jugendlichen und dessen Verbrennung bei lebendigem Leibe. Beide dieser Taten verurteilen wir als unmenschlich und verabscheuungswürdig.

Ebenso wie die Entführungen verurteilen wir aufs Schärfste und Deutlichste das willkürliche Abfeuern von Raketen durch die Hamas auf zivile Ziele und die andauernde israelische Blockade und Bombardierung von Gaza, wodurch bislang mehr als 200 Menschen starben, darunter 80 Prozent Zivilisten und 20 Prozent Kinder. Beide Formen der Gewalt sind eklatante Verletzungen des Humanitären Völkerrechts und der internationalen Menschenrechte und müssen sofort beendet werden.

Dieses Land und seine Menschen leiden seit 65 Jahren unter Gewalt, Vergeltung und Wiedervergeltung. Die ELCJHL glaubt, dass die festgefahrene politische Situation zwischen Israel und Palästina nicht mit militärischen Mitteln gelöst werden kann. Die aktuellen Kampfhandlungen dienen nicht dem langfristigen Interesse der Beteiligten, egal welcher Seite. Wir glauben seit jeher an den gewaltlosen Kampf und kreativen Widerstand gegen illegale Staatspolitik. Durch unsere gesamte Geschichte hindurch haben wir uns darum bemüht, menschliches Leiden zu lindern und Frieden und Versöhnung zu fördern.

Wir befürchten, dass diese aktuelle Welle der Gewalt noch mehr palästinensische Christen zur Auswanderung zwingen wird. Was wäre das Heilige Land ohne seine Christen? Die palästinensischen Christen und Christinnen in diesem Land rufe ich dazu auf zu bleiben und weiterhin ihren Dienst zu tun als Werkzeuge des Friedens, Vermittler von Gerechtigkeit, als Brückenbauer und Kräfte des Wandels.

In Bekräftigung unserer Position rufen wir zu Folgendem auf:

  • Dass die Beteiligten des gegenwärtigen Konflikts (Israel und die Hamas) einem sofortigen und bedingungslosen Waffenstillstand zustimmen. Diese Waffenruhe soll von der internationalen Gemeinschaft vermittelt werden, um menschliches Leid zu beenden. Die internationale Gemeinschaft muss sich humanitär und auf Entwicklungsebene für die von der gegenwärtigen Gewalt am meisten betroffenen Gemeinden einsetzen. Palästina und Israel brauchen jetzt Gerechtigkeit, Frieden und Würde, nicht Radikalisierung, Rache und Blutvergießen, wie sie durch einseitige diplomatische oder militärische Unterstützung für eine der beiden Gruppen vorangetrieben werden. Die Bevölkerung in Palästina und Israel brauchen ein Leben in Frieden und Würde.

 

  • Wiederaufnahme direkter Friedensgespräche zur Erreichung eines umfassenden und nachhaltigen Friedens auf der Grundlage einer Zwei-Staaten-Lösung in den Grenzen von 1967 unter Einhaltung internationaler Menschenrechte und des Humanitären Völkerrechts. Die Einheitsregierung der Palästinensischen Autonomiebehörde muss respektiert werden. Jeglicher Waffenstillstand, der die unmittelbare Situation betrifft, muss in einem langfristigen Friedensabkommen verankert werden, um weitere Ausbrüche von Gewalt zu verhindern.

 

  • Aufhebung der israelischen Belagerung von Gaza. Die unbefristete Belagerung Gazas hat großes Leid verursacht und weitere Feindseligkeiten angefacht. Wenn ein nachhaltiger Frieden erreicht werden soll, muss Israel seine Blockade aufheben. Das vereinigte palästinensische Volk in Gaza und im Westjordanland muss sein Recht auf Bewegungsfreiheit ausüben dürfen.

 

  • Wirksame Unterstützung für die Infrastruktur des Gesundheitswesens. Die internationale Gemeinschaft unterstützt seit langem Gesundheitsdienstleistungen für Palästinenser, vor allem im Westjordanland und in Gaza. Durch die gegenwärtige Gewalt wurde die Infrastruktur des Gesundheitswesens schwer beeinträchtigt. Insbesondere sind wir sehr besorgt über die finanzielle Krise, mit der das Augusta-Viktoria-Hospital und das Krankenhaussystem von Ostjerusalem konfrontiert sind.

 

  • Materielle Unterstützung für interreligiöse Zusammenarbeit und Friedensarbeit durch die Lehr- und Diakoniedienste der ELCJHL. Diese kirchlichen Dienste unterstützen die gemäßigten Kräfte beim Aufbau einer Zivilgesellschaft und der Schaffung einer gemeinsamen Zukunft. Wiederkehrende Zyklen der Gewalt zwingen die Kirche und ihre zugehörigen Organisationen in einen chronischen Krisen- und Ausnahmezustand, der das Gedeihen lokaler Institutionen erschwert.

 

  • Dass die globale christliche Gemeinschaft – einschließlich der Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes – jenen die notwendige Unterstützung zukommen lässt, die innerhalb des Landes von der gegenwärtigen Welle der Gewalt vertrieben wurden oder auf die eine oder andere Weise davon betroffen sind, und dass sie das Wirtschaftswachstum und Entwicklung des palästinensischen Volkes vor allem in Gaza unterstützt.


Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land hat ihre Stimme erhoben, um alle Menschen guten Willens zu bitten, in die gegenwärtige untragbare Situation von Gewalt und Blutvergießen einzugreifen. Ihr Eingreifen und Handeln schafft Hoffnung in einer hoffnungslosen Situation. Wenn es uns nicht gelingt, Schritte in Richtung Frieden zu unternehmen, werden wir in der Geiselhaft des Extremismus verharren müssen. Lassen Sie uns in diesem Moment nicht alleine. Der gesamte Nahe Osten ist in Aufruhr. Wir brauchen Ihre prophetische Stimme und Ihre Unterstützung, damit der Frieden, gebaut auf Gerechtigkeit, und die Versöhnung, gebaut auf Vergebung, die Oberhand gewinnen.

Bischof Dr. Munib A. Younan
Evangelisch-Lutherische Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land

Der Originalbeitrag kann auf der Webseite des ELCJHL aufgerufen werden.

Verfasser: 
ELCJHL