bulletin 1/2012

Die Reformation hat Europa verändert. Was macht seitdem eine Kirche zur Kirche?

Drei Antworten vom Autoren Martin Hirzel, Beauftragter für Ökumene und Religionsgemeinschaften.


«Unter uns gesagt, ist an der ganzen Sache nichts interessant als Luthers Charakter, und es ist auch das einzige was einer Menge wirklich imponiert. Alles übrige ist ein verworrener Quark, wie er uns noch täglich zur Last fällt», schrieb der alte Goethe im hochgefeierten Lutherjahr 1817 an einen Freund. Da hat heutzutage die Reformation im westlichen Europa schon eine bessere Presse.

Von Martin Hirzel.

Zumindest unter Gebildeten gilt die Reformation seit Ernst Troeltsch als wichtige Etappe auf dem Weg zur Moderne, zu Demokratie und Men­schenrechten. Auch die Kultur der Schweiz versteht man nicht ohne Kenntnis der Reformation und der Geschichte der Konfessionen und ihrer Auseinander­setzungen. Dabei geht jedoch leicht vergessen, dass die Reformation primär ein theologisches und kirchliches Ereignis war, wenn auch ein stark von den politischen und gesellschaftlichen Umständen bestimmtes.

Zumindest unter Gebildeten gilt die Reformation seit Ernst Troeltsch als wichtige Etappe auf dem Weg zur Moderne, zu Demokratie und Menschenrechte. Auch die Kultur der Schweiz versteht man nicht ohne Kenntnis der Reformation und der Geschichte der Konfessionen und ihrer Auseinandersetzungen. Dabei geht jedoch leicht vergessen, dass die Reformation primär ein theologisches und kirchliches Ereignis war, wenn auch ein stark von den politischen und gesellschaftlichen Umständen bestimmtes. Für die reformierten Kirchen sind 500 Jahre Reformation in 2017 sowie die Reformationsjubiläen in 2019 und den Folgejahren die Gelegenheit für die Frage, wie die Wahrheit des christlichen Glaubens heute formuliert und gelebt werden kann. Wo liegt der Grund, dass es reformierte Kirchen gibt? Weshalb wird an verschiedenen Universitäten reformatorische Theologie gelehrt? Ziel dieses Abenteuers, den theologischen Glutkern der Reformation immer wieder neu zu entdecken, ist jedoch nicht die konfessionelle Selbsterhaltung, vielmehr die Wahrnehmung des Auftrags der einen Kirche für die Welt.

Worum ging es denn in der Reformation?
Den Reformatoren erschienen Gott, Mensch und Welt von Gottes Wort her radikal in neuem Lichte. Die Kirche sollte klarer Gott die Ehre geben und dadurch dem Leben dienen. Die neue Sicht der Bibel als lebendiges Wort sowie die Betonung der Wichtigkeit der Predigt und der Gemeinde waren dafür die Voraussetzung; anstossgebend war jedoch die Hoffnung, dass Gott selber für sein Wort einsteht.

Die enge Verbindung der Theologie mit dem kirchlichen und gesellschaftlichen Leben war folgenreich. Das theologische Nachdenken der Reformatoren führte zu grundlegenden, das religiöse, individuelle, soziale und politische Leben nachhaltig prägenden Unterscheidungen, zum Beispiel von Gott und Mensch oder Kirche und Staat. Die heutige Relevanz dieses Denkens zu erweisen, ohne die problematischen Seiten auszublenden; dazu bietet das Reformationsjubiläum eine gute Gelegenheit.

Als Christ leben
Die Rede vom «gnädigen Gott» war für Luther, Zwingli und Calvin zentral. Heute ist das Bewusstsein für die Wirklichkeit Gottes nicht mehr selbstverständlich. Heutigen Menschen befreiend und sinnstiftend von Gott zu erzählen, ist für unsere Kirchen die grosse missionarische Herausforderung. Menschen sollen erfahren: Gott selber stellt sicher, dass sie vor ihm bestehen können. Rechtfertigung nach reformatorischem Verständnis meint: Das Gelingen des Lebens und seine Vollendung über die Grenze dieses Daseins hinaus hängt nicht an der eigenen Leistung. Es hängt am Gottvertrauen, das sich der Begegnung mit Jesus Christus verdankt. Der befreite Mensch, so sagen die Reformatoren, liebt seine Mitmenschen und Gott. Luther sagt dies so: Das rechte Handeln folgt notwendigerweise aus dem fröhlichen Glauben. Was Luther damals meinte, gilt heute umso mehr: neu zur Sprache zu bringen, was «christliche Freiheit» und «Rechtfertigung» meinen. Für die Formulierung dieser Kernbotschaften der Reformation helfen neben der Predigt auch andere Kommunikationsmedien: das persönliche Zeugnis, das diakonische Handeln, aber etwa auch die Musik.

Von der christlichen Freiheit her gilt es immer wieder neu die Frage zu stellen: Was sollen und dürfen wir als Christen tun? Zwingli zum Beispiel relativierte aus seiner christlichen Freiheit heraus Handlungsnormen wie die Fastengebote der Stadt Zürich. Mit dem gleichen Vertrauen zu Gott und mit Blick auf die gesellschaftlichen Probleme seiner Zeit stellte er die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit.

Was Kirche zur Kirche macht
Die ökumenische Erklärung von Reuilly aus dem Jahr 1999 sagt: Die Kirche ist die Gemeinschaft derer, die mit Gott und miteinander versöhnt sind. Sie ist die Gemeinschaft derer, die in der Kraft des Heiligen Geistes an Jesus Christus glauben und durch Gottes Gnade gerechtfertigt sind. Das Hören auf das Wort Gottes und die Nachfolge der christlichen Gemeinschaft macht die Kirche für die Reformatoren zur «versöhnten Gemeinschaft». Was darüber hinaus über Kirche zu sagen ist, ergibt sich für reformatorisches Denken wesentlich aus ihrem Auftrag. Dazu gehören Verkündigung, Lehre, Leitung und Diakonie.

Welche Gestalt soll die Kirche haben?
Die Reformatoren nahmen im 16. Jahrhundert für die Wahrnehmung des Auftrags der Kirche die Hilfe des Staates in Anspruch. In der Schweiz war die Entwicklung der Kirche besonders eng verbunden mit der Entwicklung der politischen und demokratischen Strukturen. Mit zunehmender Entflechtung von Kirche und Staat stellt sich den reformierten Kirchen der Schweiz die Frage: Wie kann Kirche heute gestaltet werden, damit sie ihrem Auftrag gerecht wird? Reformierte müssen heute ganz neu lernen, dass die Kirche eine konkrete Gestalt braucht, damit die Verkündigung des Evangeliums durch Predigt und Sakrament gewährleistet ist. Dazu müsste das Motto «Ecclesia reformata semper reformanda» neu ernstgenommen werden: nicht als Argument für den ständigen Wandel und damit die unverbindliche Formlosigkeit, vielmehr als Einladung zur bewussten Erneuerung der kirchlichen Formen und Strukturen in kritisch-konstruktiver Auseinandersetzung mit den kirchlichen Traditionen.

Reformation und Ökumene
Zum Reformationsjubiläum 2017 und dem Nachdenken über die Botschaft der Reformation heute gehört die ökumenische Perspektive dazu. Sonst laufen wir Gefahr zu vergessen, dass es den Reformatoren um die Erneuerung der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche ging. Und wir würden aus den Augen verlieren, dass das Streben nach Einheit der Kirche und die Überwindung der schmerzlichen Trennungen wesentlich zu unserem kirchlichen Auftrag gehören. Ohne die ökumenische Perspektive würden wir auch vergessen, dass sich die römisch-katholische Kirche nicht nur unter expliziter Abgrenzung gegenüber der Reformation, sondern auch unter impliziter Aufnahme einzelner Anliegen entwickelt hat.

Die ökumenische Verpflichtung, die Teilhabe beider Konfessionen an der Reformation und die gemeinsamen Herausforderungen der Kirchen in der modernen Gesellschaft für die Verkündigung machen das Reformationsjubiläum zu dem ökumenischen Anlass schlechthin, um darüber nachzudenken, wie die Kirchen besser die Einheit der Kirche nachleben können. Es ist Zeit zu fragen: Welche gemeinsame Zukunft wollen wir?