bulletin 1/2012

Wem gehört die Reformation?

Drei Antworten vom Autoren Serge Fornerod, Leiter Aussenbeziehungen und Projektleiter der Reformationsjubiläen.


In Deutschland heisst die Reformationsdekade (noch) Lutherdekade. Diese Konzentration lässt das Calvin-Jahr 2009 zum Apéro verkommen und hat für das Zwingli-Jubiläum 2019 keinen Platz. Unklar ist zudem, worum es geht, wenn von «Reformation» gesprochen wird.

Von Serge Fornerod.

2017 und 2019 … Mit dem Näherrücken der 500-Jahr-Jubiläen wird die Frage «Wem gehört die Reformation?» überraschend aktuell. Doch bereits das Calvin-Jubiläum 2009 hat es vor Augen geführt: Es ging in erster Linie darum, den Genferinnen und Genfern – und den frankophonen Christinnen und Christen – einen Teil ihrer verkannten, von Falschinformationen, Vorurteilen und Klischees überlagerten Geschichte auf ungewohnt neue Art zu präsentieren. Wiederentdeckt haben wir bei dieser Gelegenheit auch die weltweite Ausstrahlung Calvins und seinen Einfluss in Bereichen weit über die Theologie im strikten Sinn hinaus. Zahlreiche Menschen überall in der Welt beriefen sich plötzlich auf Calvin. Damit wurde deutlich, dass die Reformation zuallererst eine vielgestaltige Bewegung mit zahlreichen Schwerpunkten ist, in deren Mittelpunkt die Suche nach dem Sinn des Lebens, der Einheit der Kirche und der gesellschaftlichen Wirkmacht des Evangeliums steht. Namentlich das weltweite Echo auf das Erbe Calvins veranlasste 2009 den Kirchenbund zur Aussage: «Ohne Calvin wäre die Reformation deutsch geblieben.»

Nun, da in Deutschland die Vorbereitungen für «Luther 2017» in vollem Gang sind, mag es sinnvoll sein, sich ernsthaft mit der eingangs gestellten Frage zu befassen – nicht zuletzt mit Blick auf den 2019 zu feiernden Beginn von Zwinglis Wirken vor 500 Jahren. Wenn wir beobachten, wie die Verantwortlichen in Deutschland 2017 planen, fallen zwei einander widerstrebende Tendenzen auf: Die eine will alles auf Luther und seine Person zentrieren. 2017 wird zum Höhepunkt einer Lutherdekade, worin das Calvin-Jahr im besten Fall den Apéro bildet und das Zwingli-Jubiläum 2019 keinen Platz mehr findet. Als würde 2017 die Zeit stillstehen. Die weltweite Dimension kommt nur 2016 zum Zug; die ursprünglich für 2013 vorgesehene ökumenische Dimension ist aus der Planung verschwunden und hat einem Jahr der Toleranz Platz gemacht.

Die andere Tendenz fokussiert auf die von Luther aktualisierte befreiende Botschaft und deren Sinn, den es für die Kirche von heute neu zu entdecken gilt; sie ringt aber auch um ein mehrwertiges, internationales und polyzentrisches Verständnis der Reformation. Doch trotz all diesen Anstrengungen und Versprechungen der Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland EKD hinsichtlich einer «Reformationsdekade» figurieren «Luther 2017» und «Lutherdekade» nach wie vor als offizielle Bezeichnungen. In den nächsten Monate sollte deutlicher werden, was die deutschen Veranstalter, Kirchen und Staat, tatsächlich gemeinsam feiern wollen und wie die übrigen aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen darin einen Platz finden werden.

Was ist die Reformation?
Diese Situation wirft ein Schlaglicht auf die mangelnde Klarheit, wenn es um das Verständnis des Begriffs «Reformation» damals und heute geht. Für die einen: allein die Figur Luther. Für die anderen: ein Prozess mit immenser Auswirkung auf das Denken, die Kultur und die Geschichte Europas. Für die Katholiken: ein Drama und eine noch immer nicht verwundene Spaltung. Für die Protestanten: der Anfang einer langen Reihe von Spaltungen in konfessionelle Unterabteilungen. Aber auch der Anfang einer eigenen institutionellen und theologischen Existenz, die dem protestantischen Selbstverständnis nach Gott allein Rechenschaft schuldig ist. Gerne aber überspringen die Protestanten leichten Fusses fünfzehn Jahrhunderte christlicher Geschichte und Traditionen.

Ganz klassisch formuliert ist die evangelische Kirche «die katholische Kirche, die durch die Reformation hindurchgegangen ist». Aber sie ist vor allem «nicht katholisch» oder genauer «nicht römisch». Unter Ausblendung der geschichtlichen Realität stehen zwei statische institutionelle Sichtweisen einander gegenüber. Die Protestanten ignorieren die Kontinuität zwischen dem, was Luther, Zwingli oder Calvin im ausgehenden Mittelalter, aus dem sie hervorgegangen sind, schreiben und denken konnten. Sie ignorieren aber auch die Kontinuität der Reformatoren, auf die sie sich berufen, mit anderen erfolgreichen oder gescheiterten Reformbestrebungen innerhalb der katholischen Kirche der damaligen Zeit. Die katholische Kirche ihrerseits vergisst, dass die Reformation auch zu ihrer Veränderung beigetragen hat. Negativ, indem sie als Reaktion auf diese Bewegung immer «römischer» und immer weniger katholisch wurde; positiv, indem sie Positionen entwickelte und Einsichten vertiefte, von denen einige schliesslich zumindest in Teilen Eingang in das Zweite Vatikanum fanden.

Die Reformation zu feiern ist die ökumenische Aufgabe schlechthin
Die moderne historische Forschung hat aufgezeigt, in welchem Masse wir Gefangene von Vorstellungen und Bildwelten, ja von konfessionellen Mythologien sind, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufbereitet worden sind. Als Beispiel für mangelnde Klarheit in Bezug auf die Reformations-Definition liesse sich die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre anführen, die 1999 vom Lutherischen Weltbund und vom Vatikan, später auch vom Weltrat Methodistischer Kirchen unterzeichnet wurde. Wenn es bei der Reformation wirklich um die Rechtfertigungslehre ging, weshalb hat diese Erklärung dann keine wesentlichen Forschritte im ökumenischen Dialog gebracht?

Richtig ist, dass die Reformation zur Gründung der protestantisch genannten Kirchen führte, doch daraus zu schliessen, dass sie heute alle der reformatorischen Zielsetzung entsprechen, ist falsch. Die Reformation ist in erster Linie eine Bewegung, welche die Übereinstimmung des kirchlichen Lebens mit ihrer Quelle, dem Evangelium, sucht. In diesem Sinn machen es sich die Protestanten zu einfach, wenn sie sich mit der «Protestbotschaft» der Reformation begnügen und sich nicht mehr wirklich auf eine erneuerte Lesart des Evangeliums für heute berufen. Heute die Reformation feiern, kann nur eines bedeuten: das Evangelium für die Kirche und die Welt von heute neu interpretieren. Gerade das aber ist definitionsgemäss die ökumenische Aufgabe schlechthin.

Inwiefern können die Jubiläen den Schweizer Kirchen schon 2017 Impulse verleihen?
Unter diesem Blickwinkel betrachtet muss es für sämtliche Schweizer Kirchen ein gemeinsames und dringliches Anliegen sein, 500 Jahre Reformation in einem nachkonfessionellen oder konfessionsübergreifenden Geist zu begehen. Die Kirchen in Europa bedürfen neuer Impulse. Reformbedürftig sind in erster Linie ihre Zukunftsvision und die Kerninhalte ihrer Botschaft – und erst in zweiter Linie ihre Strukturen. Die europäische Gesellschaft ist pluralistisch und multikulturell geworden, doch umso virulenter sind die Fragen nach dem Sinn des Lebens, seiner Rechtfertigung und nach den Modalitäten des Zusammenlebens in der Gesellschaft. Es ist wichtiger, unsere gemeinsamen spirituellen Schätze zu entdecken, als auf dem Trennenden zu beharren. Selbstkritik ist auch den Protestanten als Pensum aufgetragen. Wie haben sie, die sich mit ihrer Offenheit in ökumenischen Fragen brüsten, die theologischen Konsens- und Kompromisspapiere der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa oder des Ökumenischen Rates aufgenommen? Wie steht es um den dogmatischen Föderalismus unserer Landeskirchen? Die faule Zufriedenheit gegenüber unseren zahlreichen Grenzen, die Pflege unserer internen Normen auf kantonaler und lokaler Ebene, gelten sie nicht seit langem als unfehlbares Dogma unter dem Deckmantel des Föderalismus und aus Respekt vor einer lokalen Vielfalt, die mehr von Provinzialität denn von Authentizität zeugt?

Ja, auch die Evangelische Kirche in der Schweiz braucht die Reformation. Sie gehört ihr, nicht umgekehrt. Luther, Calvin und Zwingli waren Suchende. Ihre Suche galt der Erforschung des Evangeliums und nicht der Gründung einer Kirche.