bulletin 1/2012

Wie machen die Reformierten ihren Glauben erkennbar?

Drei Antworten von der Autorin Christina Tuor, Leiterin des Instituts für Theologie und Ethik.


Der Rücklauf ist enttäuschend. Nur fünf Prozent der 3700 mit einem Fragebogen bedienten Pfarrpersonen, Kirchenbehörden und Fachstellen haben sich zum «Werkbuch Bekenntnis» geäussert. Gleichzeitig bedeutet es einen Meilenstein in der Geschichte der Schweizer Kirchen, dass jetzt die Diskussion über Glaubensbekenntnisse landesweit eröffnet wird.

Von Christina Tuor.

Kennen, erkennen, bekannt machen – all das steckt im deutschen Verb «bekennen». Ein Bekenntnis – verstanden in seiner religiösen Bedeutung als Eintreten für eine Glaubenslehre – drückt aus, was Menschen in der Heiligen Schrift erkennen, und was sie in ihren eigenen Worten wiedergeben. Bekenntnisse sind «Gottes Wort in unsere Sprache und Denkmuster übersetzt» (Alexis Salgado). Bekenntnisse machen etwas bekannt, sie werden laut und öffentlich – so im Gottesdienst – gesprochen. Dadurch tragen Bekenntnisse den Glauben weiter: sie verbinden christliche Gemeinschaften durch die Jahrhunderte gelebten Glaubens.

Die christliche Texttradition ist reich an Bekenntnissen. Neben dem Grundbekenntnis der christusgläubigen Gemeinde, dem Glauben daran, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, finden sich in den biblischen Schriften zahlreiche weitere Bekenntnisse: der Glaube anden einen Gott, an Gott den Schöpfer von Himmel und Erde, der Glaube an das Ende von Armut und Ungerechtigkeit, an die Erlösung aus Leiden und Tod.

In der Geschichte des Christentums sind Bekenntnisse immer auch von ihrer jeweiligen Zeit mitgeprägt. In der Anfangszeit des reformierten Glaubens dienten sie als Sammlung von Argumenten, die eine Entscheidung der politischen Instanzen zugunsten der Reformation herbeiführen sollte. Daneben enthielten Bekenntnisschriften in der Reformationszeit auch Verurteilungen gegen andere reformatorische Strömungen.

Seit dem 20. Jahrhundert sind es auch politische oder ethische Fragestellungen, die innerhalb der Kirchen zum Bekennen aufrufen. Gewaltsysteme wie der Nationalsozialismus und die Apartheid, der nukleare Rüstungswettlauf, die wachsenden globalen Ungerechtigkeiten und die ökologische Zerstörung wirkten als mächtige Impulse für Bekenntnisse. Eberhard Busch spricht hier von einer «neuen Bekenntnisfreudigkeit».

In unserem Jahrhundert löst ein weiterer Moment die Notwendigkeit einer Rückbesinnung auf die Bekenntnistradition der Kirchen aus: Verschiedene Studien der letzten Jahre attestieren den christlichen Kirchen in der Schweiz keine rosige Zukunft: Gesprochen wird von Verwässerung des Glaubens, von Unkenntlichkeit kirchlichen Profils, vom Abbruch konstitutiver Glaubenstraditionen, von Unfähigkeit, über den Glauben zu sprechen.

Eine schweizweite Diskussion zum Bekenntnis wird eingeleitet
Den Abbruch von Glaubenstraditionen hat im Jahr 2006 eine Gruppe namhafter Persönlichkeiten aus Theologischen Fakultäten und Kirchenleitungen unter der Leitung von Pfr. Dr. Matthias Krieg (Zürich) aufgenommen. In Anlehnung an das book of confessions der Presbyterianischen Kirche der USA hat sie eine Sammlung von vierundzwanzig Glaubensbekenntnissen aus Geschichte und Gegenwart der christlichen Kirchen zusammengestellt, das «Werkbuch Reformierte Bekenntnisse». 2011 bereits in einer zweiten Auflage beim Theologischen Verlag Zürich erschienen, will es die Diskussion um ein gemeinsames Glaubensbekenntnis in den reformierten Kirchen der Schweiz anstossen. Ziel ist eine Debatte über die Grundlagen und tragenden Inhalte des eigenen Glaubens: Wie können wir über unseren Glauben reden? Worauf können wir uns dabei beziehen? Worin besteht die reformierte Prägung unseres Glaubens und woher kommt sie? Woran werden wir für andere erkennbar?

Die Arbeit mit dem Werkbuch soll zudem Antwort darauf geben, welche Texte in eine Sammlung von Referenztexten aufgenommen werden, und welchen Stellenwert eine solche Sammlung in Zukunft einnehmen kann, dies auch im Blick auf die anstehenden Reformationsjubiläen.

Der Kirchenbund präsentiert online eine Sammlung von Projekten und Dokumenten rund um das Werkbuch Bekenntnis: www.ref-credo.ch

Es ist ein Meilenstein in der Geschichte der Schweizer Kirchen, dass jetzt die Diskussion über Glaubensbekenntnisse landesweit eröffnet wird. Nie zuvor wurde eine gesamtschweizerische Diskussion darüber geführt, dass im Verlauf des sogenannten Apostolikumstreites im 19. Jahrhundert in den reformierten Kirchen der Schweiz die Bekenntnisbindung nach und nach aufgehoben wurde.

Im Sommer 2009 hat der Rat des Kirchenbundes von seiner Abgeordnetenversammlung die Aufgabe übernommen, das Werkbuch Reformierte Bekenntnisse bei den Mitgliedkirchen in eine Vernehmlassung zu geben. Diese Vernehmlassung dauerte von Juli 2010 bis Juni 2011. Von den insgesamt 3700 mit einem Fragebogen bedienten Adressen – Pfarrpersonen, Behördenpräsidien und Erwachsenenbildungsfachstellen – erfolgte ein enttäuschend kleiner Rücklauf von etwas mehr als fünf Prozent. Darunter sind auch solche Stimmen mitgezählt, die sich ausserhalb des Fragebogens mit einem Kommentar in die Diskussion eingebracht haben.

Das Gespräch ist eröffnet
Trotz des mageren Rücklaufs hat das Werkbuch Reformierte Bekenntnisse bei den Teilnehmenden an der Vernehmlassung Gefallen gefunden. Die Auseinandersetzung mit der Sammlung führte zu zahlreichen Gesprächen über die Funktionen von Bekenntnissen und über Bekennen grundsätzlich, auch ausserhalb des Rahmens dieser Vernehmlassung. Die Ergebnisse der Vernehmlassung selbst lassen sich so zusammenfassen: Das erste, von der Initiativgruppe formulierte Ziel wurde erfüllt, das Werkbuch vermochte die Initialzündung zu einer schweizweiten Diskussion um reformiertes Bekenntnis geben. Gerade die ökumenische Bedeutung der Bekenntnisse, als Verbindung zu anderen Kirchen, wird von vielen Teilnehmenden als wichtig erachtet. Hinsichtlich der Frage einer verbindlichen Sammlung an Bekenntnistexten, bei der sich die Initiativgruppe ebenfalls Antwort erhoffte, laufen die Meinungen jedoch auseinander. Mehrheitlich wird gegen die Einführung eines gemeinsam gesprochenen Bekenntnisses im sonntäglichen Gemeindegottesdienst votiert, wobei in Spezialgottesdiensten ein Bekenntnis als angebracht erscheint. Auch wenn aus ökumenischen Überlegungen dem Apostolikum und dem Nicäno-Konstantinopolitanum eine wichtige Funktion beigemessen wird, lässt sich keine eindeutige Tendenz für oder gegen ein bestimmtes Bekenntnis ausmachen. Negativ zu vermerken ist freilich, dass sich Mitglieder der reformierten Kirchen der französischsprachigen Schweiz, in denen das Apostolikum Bestandteil des Gemeindegottesdienstes ist, nur mit rund 8 % beteiligt haben. Diese gelebte Praxis ist damit in den Antworten zu wenig repräsentiert.

Das einmal angestossene Gespräch geht weiter. Verschiedene Kirchen haben das Thema Bekenntnis in ihre Legislaturziele aufgenommen. Der Kirchenbund regt in seinem Bericht zuhanden der Abgeordnetenversammlung an, eine lebendige Kultur des Bekennens zu pflegen. Dem Abbruch der christlichen Tradition in der Schweiz kann durch ein deutlicheres Profil der reformierten Kirchen entgegengewirkt werden, zu dem das Bekenntnis ein Mittel ist. Doch sind Bekenntnisse keine Pflichttexte, sondern interpretationsbedürftige Sprach- und Denkangebote, über die breit und in grosser Vielfalt diskutiert werden muss.