bulletin 1/2013

Der Sonntag – Ein Anliegen weltlicher Spiritualität?

Von Otto Schäfer.

In der Schweiz ist die Sonntagsruhe gesetzlich geschützt. Das ist nicht in allen europäischen Ländern so. Artikel 18 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Arbeit legt fest, dass «in der Zeit zwischen Samstag 23 Uhr und Sonntag 23 Uhr … die Beschäftigung von Arbeitnehmern untersagt» ist.

Das betreffende Gesetz deckt gleichwohl nicht alle Wirtschaftszweige ab (sondern nur Industrie, Gewerbe und Handel) und lässt begründete Ausnahmen zu. Bestimmte – wichtige – Ausnahmen wurden erst in den letzten Jahren hinzugefügt, insbesondere der Sonntagsverkauf an stark frequentierten Flughäfen und Bahnhöfen sowie die vier Sonntage pro Jahr, an denen die Kantone die Öffnung von Verkaufsgeschäften erlauben dürfen.

Bereits seit den 80er-Jahren steht die Sonntagsruhe unter Druck; mehrere Initiativen und Motionen zur Liberalisierung der Arbeitszeit und der Ladenöffnungszeiten haben lebhafte Diskussionen ausgelöst und tun es immer noch. Zu den Verteidigern der Sonntagsruhe zählen die Gewerkschaften und die Kirchen. Sie haben sich am 26. April 2012 zur schweizerischen Sonntagsallianz zusammengeschlossen. Ihr gehören verschiedene evangelische Organisationen an, darunter die methodistische Kirche (Mitglied des Kirchenbundes) und die Evangelischen Frauen Schweiz. Bedeutet dies, dass die Kirchen und die Gewerkschaften in der Sache für dasselbe kämpfen?

Natürlich nicht ganz – trotz einer ganzen Reihe gemeinsamer Überzeugungen und Anliegen: das soziale Miteinander, das durch einen gemeinsamen freien Tag gefestigt wird, die Vereinbarkeit familiärer und beruflicher Verpflichtungen und die Gefahr, dass Anpassungsdruck auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer steigen könnte, «freiwillige» Sonntagarbeit zu akzeptieren. Für die Kirchen basieren diese gesellschaftlichen Anliegen allerdings auf der spirituellen Dimension des Sonntags. Diese reicht über die schlichte historische Begründung des Sabbats in der Heiligen Schrift und später des Sonntags in der Christentumsgeschichte hinaus. Ebenso über den sonntäglichen Besuch des Gottesdienstes, bzw. der Messe – obwohl sie diese natürlich mit einschliesst.

Ein nicht einfach bezifferbarer Wert

Die Kirchen gehen weiter. Ihrer Ansicht nach ist ein regelmässiger, periodischer Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Bewegung und Ruhe, zwischen Anstrengung und Sammlung essenziell für das spirituelle Wohlbefinden aller – und nicht nur der Christinnen und Christen. Inmitten unseres alltäglichen do ut des materialisiert der Sonntag das unentgeltliche Handeln auf zeitlicher Ebene. Der gemeinsame, übereinstimmende Rhythmus macht die Unentgeltlichkeit sichtbar und greifbar. Bereits in dem von allen Mitgliedkirchen der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz AGCK gemeinsam verabschiedeten Dokument «Sonntag schützen, Gemeinschaft stärken» aus dem Jahre 2005 steht: «Der Sonntag entzieht sich jeder einfachen Begründung. Für sich genommen bringt er wirtschaftlich nichts ein und trägt zur materiellen Daseinsvorsorge nichts bei. Es ist gerade diese bestimmte ‹Wertlosigkeit›, die Nicht- Verrechenbarkeit, die den Wert des Sonntags ausmacht: Er ist nicht für etwas da, sondern er ist einfach da.»

Der Sonntag markiert eine Grenze in unserer durch die Natur, die Geschichte, die Arbeit und das Kapital bedingten Existenz. Im Gegensatz zum Tag, zum Monat und zum Sonnenjahr gehorcht der Sonntag wie auch der jüdische Sabbat oder der Freitag der Muslime – dessen Ruhetagscharakter allerdings weit weniger betont wird – keinem natürlichen Rhythmus. Somit verweist er uns auf eine Freiheit, deren Ursprung woanders liegt. Er schlägt eine Bresche in die Dichte der Welt. Diese Erfahrung ist Juden, Christen und Muslimen gemeinsam – trotz aller trennenden Unterschiede zwischen den drei Religionen. Das erklärt zweifellos, warum auf europäischer Ebene im Rahmen der European Sunday Alliance, der auch der Kirchenbund angehört, kein Widerstand seitens der anderen Buchreligionen gegen die Verteidigung des Sonntags zu verzeichnen ist. Das praktische Interesse von Geschäftsleuten, die religiösen Minderheiten angehören, spielt dabei sicherlich ebenfalls eine Rolle.

Das Problem ist nicht der Sonntag, der dem Samstag oder dem Freitag vorgezogen wird, sondern vielmehr die Homogenisierung der Wochentage sowie der kontinuierliche Verlust eines zusätzlichen Tages pro Woche.

Der Revolutionskalender hatte den Sonntag abgeschafft und die Sieben-Tage-Woche durch die Dekade ersetzt – einen natürlichen Rhythmus, der sich an den Fingern beider Hände abzählen lässt. Die gegenwärtige Entwicklung, die weitgehend von einem ungezügelten Wirtschaftsliberalismus bestimmt ist, sieht keine formelle Abschaffung vor: indem sie die individuellen Wahlmöglichkeiten vervielfacht, führt sie zu einer Aufsplitterung der gemeinsamen Ruhe im Rahmen der ununterbrochenen Aktivität, die nunmehr durch individuelle Ruhetage gedämpft wird. Dieser Prozess ist in mehreren europäischen Ländern bereits sehr weit fortgeschritten – insbesondere in Grossbritannien.

Provokation für unsere gegewärtige Welt

Das Verschwinden des Sonntags würde die Provokation durch ein Jenseits, das über unsere gegenwärtige Welt hinausgeht, aus der Zeit der Woche eliminieren. Genau diese Provokation liegt aber der Dynamik der Kulturen zugrunde, die von den Buchreligionen geprägt sind. Der islamische Kalender stülpt dem üblichen Kalenderjahr, dem Sonnenjahr, ein heiliges Mondjahr über, das aus 12 Monaten à 30 Tagen besteht. Der religiöse Kalender von 360 Tagen verschiebt sich daher langsam innerhalb des natürlichen Jahreslaufs (365/366 Tage). Der Fastenmonat Ramadan wandert im Laufe der Jahre durch alle Jahreszeiten. Die Gott gewidmete Zeit entspricht nicht der von der Natur vorgegebenen Zeit. Diese zentrale Aussage gilt auch für den Sabbat und den Sonntag.

Ob man glaubt oder nicht, ist der Religionsfreiheit eines jeden anheimgestellt. Niemand ist verpflichtet, dem Sonntag die christlich-spirituelle Bedeutung zuzuschreiben, die ihn begründet und die selbst in einer komplexen Beziehung zum jüdischen Sabbat steht. Hingegen geht die periodische Erinnerung an die Möglichkeit einer Transzendenz, einer von woanders herrührenden Freiheit, jeden an. Der Sonntag macht menschlicher. Er ist nicht nur ein Element religiöser, sondern auch weltlicher Spiritualität: er steht für eine Welt, die nicht in sich eingeschlossen und in allem durch die Natur, die Geschichte, die Arbeit und das Kapital bestimmt ist. Der Sonntag lässt den Menschen zu sich selbst finden. «Bleibt seine Arbeit einmal wirklich hinter ihm zurück, wird es einmal still um ihn und in ihm, wird er ruhig, dann passiert fürs erste einmal das, dass er, das Subjekt, sich selbst Objekt wird. Das alte ‹Erkenne dich selbst!› dürfte hier seinen Ort und Sinn haben» (Karl Barth). Deswegen reicht nicht nur die soziale, sondern auch die spirituelle Dimension des Sonntags über die Kirchen hinaus und betrifft die gesamte Gesellschaft.