Der SEK zum Tod von Marga Bührig

Der Rat des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes hat mit Trauer vom Tod von Marga Bührig Kenntnis genommen. Mit Marga Bührig verlieren die Schweizer Kirchen eine Persönlichkeit, die viele Menschen - Frauen und Männer - beeindruckt und geprägt hat, die durch ihre kritische Haltung die Kirchen immer wieder herausgefordert und ihnen wichtige Impulse gegeben hat.

Marga Bührig setzte sich zeitlebens engagiert und leidenschaftlich für die ökumenische Bewegung ein. 1954 nahm sie als Gast teil an der Zweiten Vollversammlung des OeRK in Evanston. Diese Begegnung mit der weltweiten Kirche entfachte in ihr eine Begeisterung für die Oekumene, eine Begeisterung, die sie nie mehr loslassen sollte. Ein besonderer Markstein ihres ökumenischen Engagements, aber auch der ökumenischen Zusammenarbeit der Frauen in der Schweiz, war ihre Mitarbeit an der SAFFA (Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit) im Jahr 1958. Im „SAFFA-Kirchlein“ fand gelebte Ökumene statt, die von den Frauen über die SAFFA hinaus weitergeführt wurde und Wirkung entfaltete. Marga Bührig hat auch später viele ökumenische Prozesse in der Schweiz, aber auch im weltweiten Horizont, mitgestaltet und beeinflusst. Eine wichtige Rolle spielte sie an der Weltkonferenz „Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung“ des OeRK in Seoul.

Als Marga Bührig 1983 in Vancouver als eine der sieben Präsidentinnen des Ökumenischen Rates der Kirchen (OeRK) gewählt wurde, war dies nicht nur eine Überraschung für sie selbst, sondern auch für die Schweizer Delegation. Frau Bührig war ohne ihr Wissen von Freunden und Freundinnen vorgeschlagen worden. Diese Episode aus dem Leben Marga Bührigs zeigt etwas von ihrem Verhältnis zu kirchlichen Institutionen, also auch zum SEK, wie auch vom Verhältnis dieser Institutionen zu ihr. Marga Bührig fühlte sich ihr Leben lang zutiefst dem Evangelium verpflichtet. Sie sah dessen Botschaft jedoch deutlicher ausserhalb der kirchlichen Strukturen verwirklicht und verschiedene Erfahrungen mit der Kirche machten ihr zum Teil schmerzlich bewusst, dass in dieser Kirche und zu ihrer Zeit kein Platz für eine Frau wie sie vorgesehen sei. Dies schildert sie sehr eindrücklich in ihrer Autobiographie „Spät habe ich gelernt, gerne Frau zu sein“. So wurde sie als Vertreterin verschiedener Aufbruchsbewegungen in den OeRK gewählt, was die Schweizer letztlich doch dazu bewegte, auf ihre Vertretung im OeRK stolz zu sein.

Von 1959-1981 war Marga Bührig am Evangelischen Tagungs- und Studienzentrum Boldern tätig, zunächst als Studienleiterin, und von 1971-1981 als Leiterin des Gesamtwerks. Hier griff sie immer wieder brisante Themen auf. So wurden unter ihrer Leitung Tagungen zum Thema „Homosexualität“ durchgeführt, dies zu einer Zeit, als das Thema für die Schweizer Kirchen noch nicht aktuell schien. Die Tagungsstätte Boldern erntete mit ihrem kritischen und politischen Programm viel Lob, aber auch viel Kritik.

Zentral war für Marga Bührig ihr Engagement in der Frauenbewegung. Fragen zur Stellung der Frauen in Kirche und Gesellschaft begleiteten sie seit ihrer Jugendzeit. 1948 gehörte sie zu den Gründerinnen des Evangelischen Frauenbundes der Schweiz (EFS). Später fühlte sie sich auch der sogenannt „Neueren Frauenbewegung“ verbunden. Ende der 70-er Jahre gründete sie gemeinsam mit anderen die „Frauen für den Frieden“. Marga Bührig wurde auch zu einer wichtigen Vertreterin der feministischen Theologie. Mit ihrem unabhängigen Denken, ihrem mutigen Eintreten für die Anliegen der Frauen in Kirche und Gesellschaft auch gegen starke Widerstände, prägte sie mehrere Generationen von Frauen und wurde für viele zu einem Vorbild für ein eigenständig und selbstbewusst gestaltetes Leben.

«Das Leben leidenschaftlich lieben - Gerechtigkeit leidenschaftlich suchen.» - so formulierte sie den Leitgedanken für ihr Leben. Er führte sie zu einem mutigen Einsatz für die Schwachen der Gesellschaft. „Mit ihrer klaren, kritischen Haltung, ihrem Mut, ihrer Integrität und ihrem konsequenten Festhalten an ihren Träumen und Visionen bis zuletzt ist sie vielen Menschen Freundin, Beraterin und Vorbild gewesen“ lautet der Text in der Todesanzeige. Wir können dieser Würdigung nur zustimmen, wohl wissend, dass auch der Schweizerische Evangelische Kirchenbund mehrmals Gegenstand ihrer Kritik war. Doch gehört es zu einer lebendigen Kirche, dass sie in ihrer Mitte auch unbequeme Stimmen nicht nur zulässt, sondern ihnen auch zuhört, vor allem und gerade, wenn diese den Anspruch erheben, aus der biblischen Mitte heraus zu reden. Nicht die Trägheit, wohl aber die engagierte Auseinandersetzung mit kritischen Stimmen gewährleistet am ehesten, dass die Kirche ihrem Auftrag, Salz der Erde zu sein, treu bleibt.

Verfasser: 
SEK - Rat