Europäische Kirchen vereint gegen den Krieg im Irak

Leitende Kirchenvertreter und -vertreterinnen aus Europa, den USA und dem Mittleren Osten sind am Mittwoch in Berlin zu einer Dringlichkeitssitzung zusammengekommen, um eine gemeinsame Stellungnahme der Kirchen gegen den drohenden Krieg im Irak zu formulieren. Organisiert hatte die Veranstaltung der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) im Anschluss an eine Initiative der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und nach Rücksprache mit der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und dem National Council of Churches (NCC).

Selten zuvor hatte es zwischen den internationalen Kirchenführern so eine grosse Übereinstimmung gegeben, wie in ihrer Ablehnung eines Krieges im Irak. Nicht nur völkerrechtliche Bedenken gegenüber einem von der UNO nicht sanktionierten Militärschlag wurden dabei angeführt. Zentraler noch war die Aussage, dass die zu erwartende humanitäre Katastrophe riesigen Ausmasses aus christlicher Sicht nicht hingenommen werden könne. «Ein Krieg hätte unannehmbare Folgen für die Situation der Menschen», hiess es im Communiqué, das am Mittwochnachmittag verabschiedet wurde. Die «Entwurzelung von grossen Teilen der Bevölkerung», der «Zusammenbruch staatlicher Funktionen» und die «Gefahr eines Bürgerkrieges» seien mögliche Folgen eines Krieges, die insbesondere die ohnehin schon desolate Situation der Zivilbevölkerung dramatisch verschlechtern würde.

Zwar werde das irakische Regime durchaus als gefährlich und im Umgang mit der eigenen Bevölkerung als inhuman wahrgenommen, doch könne nach christlicher Anschauung die Kontrolle des Regimes und dessen Entwaffnung nicht durch Gewalt, sondern einzig durch eine Politik der Vernunft und Besonnenheit erreicht werden. Den «sorgfältig geplanten Massnahmen der UN-Waffeninspektoren» müsse «genügend Zeit eingeräumt» werden, «um die Arbeit zu Ende zu» bringen. Ein Krieg führe nur zu neuen Konflikten in einer ohnehin schon destabilisierten Region und zöge weitere Gewalteskalationen überall in der Welt nach sich: «Wir bedauern, dass die mächtigsten Nationen dieser Welt Krieg wieder als ein akzeptables Mittel der Aussenpolitik betrachten. Dies schafft ein internationales Klima der Furcht, Bedrohung und Unsicherheit.»

Mit dieser Haltung entspricht die Stellungnahme der europäischen Kirchen in weiten Teilen jener des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK). Dessen Präsident, Thomas Wipf, der neben Konrad Raiser (Generalsekretär ÖRK), Keith Clements (Generalsekretär KEK), Manfred Kock (Präsident EKD), Bob Edgar (Generalsekretär NCC) u. a. auch an der Tagung teilnahm, deutete den klaren Konsens der Kirchen über Landes- und Konfessionsgrenzen hinaus als deutliches Zeichen der Solidarität mit den Menschen im Irak. Deren Situation beschrieb er als «derzeit scheinbar hoffnungslos: Entweder werden sie von Hussein unterdrückt oder Opfer eines Krieges. Eine Lösung muss ohne Krieg möglich sein.»

Dass sich die europäischen Kirchen zu einer derart gross angelegten Zusammenkunft bewegt sahen, begründen die Kirchenvertreter- und vertreterinnen in ihrem Communiqué mit ihrer «äusserst» grossen Besorgnis über die, nach dem 27. Januar noch akuter gewordenen «Forderungen der USA und einiger europäischer Regierungen nach militärischen Aktionen gegen den Irak». Mit ihren Aufrufen sowohl an den Sicherheitsrat, die «Grundsätze der UN-Charta» weiterhin einzuhalten wie auch an das irakische Regime, «alle Massenvernichtungswaffen zu zerstören und damit verbundene Forschung und Produktionsstätten aufzugeben», verbinden die Kirchenführer auch einen Appell, sich im Namen des Christentums gegen den Krieg zu stellen: «Wir laden alle Kirchen ein, sich uns in diesem Zeugnis anzuschliessen, für eine friedliche Lösung dieses Konflikts zu beten und alle Menschen zu ermutigen, sich am Ringen um eine solche Lösung zu beteiligen.»