«Die wahre Kirche muss sich auch als solche erweisen»

Der Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK spricht vor den Delegierten der Abgeordnetenversammlung in Bern zur ökumenischen Situation in der Schweiz aus evangelischer Sicht.

«Wir lassen uns nicht beirren. Wir tun weiterhin das gemeinsam, was wir bisher gemeinsam getan haben und weiter gemeinsam tun können.» Diesen Appell richtete heute der Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, Pfarrer Thomas Wipf, in seinem Wort zur ökumenischen Situation in der Schweiz an die Delegierten der 26 Mitgliedkirchen.

In seiner programmatischen Rede sprach Wipf über das reformierte Kirchenverständnis und die Zukunft der Ökumene. «Wir sind Kirche», so Wipf. Kirche sei nach reformatorischem Verständnis da, wo das Evangelium verkündigt wird, die Sakramente schriftgemäss gefeiert werden und wo die Gemeinde sich in Zeugnis und Dienst in der Welt einsetzt. Evangelische Kirchen seien zudem konstitutiv ökumenische Kirchen, denn die Perspektive gehe stets über die eigenen Grenzen hinaus. «Ökumene ist für uns nicht eine Option. Ökumene gehört zu unserem Sein.» Darin seien sich die reformierte und die römisch-katholische Kirche in der Schweiz einig.

Ökumene bedeute dabei das gegenseitige Annehmen als zur einen Kirche Jesu Christi gehörig. Die evangelischen Kirchen hätten dies durch die Unterzeichnung der Leuenberger Konkordie 1973 möglich gemacht. In dem Modell der «Einheit in versöhnter Verschiedenheit» sei eine europaweite Kirchengemeinschaft zwischen Kirchen unterschiedlichen Bekenntnisses und unterschiedlicher Gestalt möglich geworden. Ein bedeutender ökumenischer Schritt in der Schweiz sei aber auch die gegenseitige Anerkennung der Taufe zwischen der evangelischen, der römisch-katholischen und der christkatholischen Kirche von 1973. Die Taufe sei damit zu einem «ökumenischen Sakrament» geworden.

Nach evangelischem Verständnis, so Wipf weiter, sei die Kirche nicht die Wahrheit, sondern sie diene der Wahrheit. Wahre Kirche zu sein, werde den Kirchen zugesprochen, die dem Wort Christi «in Predigt, Taufe und Abendmahl Raum gewähren». Nach reformiertem Verständnis müsse sich eine Kirche jedoch auch als solche erweisen, und zwar in den Antworten auf Fragen, die die Menschen heute bewegen. In diesem Sinn erwartet Wipf vor allem auch im Hinblick auf konfessionsgemischte Familien und Lebensgemeinschaften ökumenische Fortschritte. Wipf: «Als Kirchen sollen wir Zeugnis- und Dienstgemeinschaft sein, Kirche für die Menschen und für die Welt.»

Die Abgeordnetenversammlung AV ist das Parlament (Legislative) des SEK. Sie tritt zwei Mal pro Jahr zusammen, im Juni als Gast einer Mitgliedkirche, im November in Bern. Die Mitgliedkirchen sind mit 70 Abgeordneten vertreten, die Diakonie- und die Frauenkonferenz stellen je zwei Delegierte mit Rede- und Antragsrecht.

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