Interkultureller Dialog: „Der gemeinsame Nenner im Europarat ist klein“

Paul Widmer, ständiger Vertreter der Schweiz beim Europarat, sieht vor der Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes in Bern die Menschenrechte in Gefahr, sollte der interkulturelle Dialog misslingen.

„Alle sprechen vom interkulturellen Dialog – doch niemand scheint recht zu wissen, was dieser denn sein soll.“ Mit dieser Einleitung begann Botschafter Paul Widmer gestern seinen Vortrag zum Thema vor den Abgeordneten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) in Bern. Der ständige Vertreter der Schweiz beim Europarat sprach zur Strategie des Europarates zum interkulturellen Dialog und zur Bedeutung seiner interreligiösen Dimension.

„Viele machen sich Sorgen um den Platz der westlichen Werte in einer globalisierten Welt“, so Widmer. Tatsächlich werde die westliche Zivilisation zunehmend globaler, während ihre Fähigkeit sinke, ihre Werte auch wirklich durchzusetzen. Zusätzlich sei es „ein Trauerspiel, das uns zu denken geben sollte, wenn asiatische und islamische Staaten den Eindruck gewinnen, der Schutz der Familie und die Achtung vor der Religion gehörten nicht zu den westlichen Werten“. All dies bedeute jedoch nicht, dass die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte aufgeweicht werden dürfe.

Die Menschenrechte seien nicht relativierbar, so Widmer. Der Westen hätte aber kein Interpretationsmonopol. „Exakt an diesem Übergang von Normen und deren Umsetzung“ müsse nun ein Gespräch einsetzen. Dies sei der Zweck des interkulturellen Dialoges, erläuterte Widmer. Der Europarat sei dafür ein gutes Gefäss: Er sei „relativ homogen“ und er verfüge über einen Gerichtshof, „der dem interkulturellen Dialog einen verbindlichen Rahmen gibt“. In den politischen Kreisen habe zudem sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Religiöse auch in den öffentlichen Raum hineinwirkt.

Ein wichtiger Impuls für den interkulturellen Dialog ist nach Widmer das so genannte Weissbuch, das im Mai 2008 verabschiedet wurde. Der gemeinsame Nenner im Europarat sei jedoch klein, das Papier werde „wahrscheinlich die meisten Leser etwas enttäuschen“. Trotzdem sei ein wichtiger Anfang gemacht. Der Schwerpunkt liege dabei bei der Vermittlung von Kenntnissen über andere Kulturen.

Auch Carla Maurer, Beauftragte des SEK in der Kommission für Kirche und Gesellschaft der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) in Strassburg merkte in ihrer Präsentation an, dass dem Weissbuch „die Basis für eine genaue Vorstellung, wie der Dialog mit den Religionen zu führen sei, fehlt“. Die Gefahr bestehe, dass der Dialog auf hoher politischer Ebene stecken bliebe und „da, wo er wirklich notwendig wäre, nicht stattfindet“.

Auf der anderen Seite könne das Weissbuch die Kirchen dazu anregen, ihre eigenen Dialogstrukturen zu überdenken und sich zu fragen, welche Menschen vom Dialog ausgeschlossen blieben. Der interkulturelle Dialog sei wichtig, bestätigte Widmer. „Misslingt er, können so wichtige Elemente wie die Religions- und Meinungsfreiheit in Gefahr geraten. Gelingt er, kann er zur Stärkung der Menschenrechte beitragen.“

Die Abgeordnetenversammlung AV ist das Parlament (Legislative) des SEK. Die rund 70 Vertreter der 26 Mitgliedskirchen des SEK treten zweimal pro Jahr zusammen, im Juni als Gast einer Mitgliedskirche, im November in Bern. Die Herbst-AV 2008 tagt am 3. und 4. November im Berner Rathaus.