Die meiste Arbeit in der Schweiz wird unbezahlt geleistet

In der Schweiz übersteigt unbezahlte Arbeit bezahlte um zwanzig Prozent. Den grössten Teil davon leisten Frauen. Dies müssen die Kirchen neu thematisieren, so die Frauenkonferenz des SEK gestern in Bern.

Mehr als drei Viertel gesellschaftlich unverzichtbarer Pflege- und Betreuungsarbeit wird unbezahlt von Frauen geleistet. Solche „Care Ökonomie“ bleibt jedoch in den offiziellen Statistiken unsichtbar. Durch die Wirtschafts- und Finanzkrise werden die Budgets der sozialen Dienstleistungen und des Gesundheitssektors knapper. Was heisst das für die Kirchen und deren diakonischen Einrichtungen? Mit dieser Frage beschäftigte sich die 18. Frauenkonferenz des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, zu der sich rund sechzig Delegierte der Mitgliedkirchen am 26. Oktober in Bern versammelten.

8,4 Milliarden Stunden unbezahlter Arbeit wurden 2004 in der Schweiz geleistet, so Brigitte Schnegg in ihrem Vortrag. Dies entsprach 64% des Bruttosozialproduktes. Demgegenüber standen 6,9 Milliarden Stunden bezahlter Arbeit. Die Leiterin des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung der Universität Bern betonte, dass Frauen dabei mehr als doppelt so viele unbezahlte als bezahlte Stunden leisten. Während das Engagement bei Männern ausserdem in den verschiedenen Lebensphasen gleich bliebe, verrichteten Frauen zwischen 25 und 39 Jahren im Verhältnis die meiste unbezahlte Arbeit. Dies kollidiere oft mit dem Ziel einer Berufskarriere. Gleichzeitig bedeute auch eine Erhöhung des Rentenalters für Frauen „schwer abschätzbare Folgen für das Gesundheits- und Pflegewesen“ und das Gleichgewicht aus bezahlter und unbezahlter Arbeit.

Der Wert der unbezahlten Arbeit entsprach 2004 dem dreieinhalbfachen der Einkommens- und Vermögenssteuer, so die Ökonomin Mascha Madörin. Die traditionelle Ökonomie übergehe jedoch „auf barbarische Art“ den Wert unbezahlter Arbeit. Die Betreuung kleiner Kinder werde wesentlich mehr unbezahlt geleistet als die Betreuung alter und kranker Menschen, so Madörin weiter: „Die Behauptung, alte Menschen kosten nur, ist also falsch.“

Die Kirchen, so die Soziologin und ehemalige Neuenburger Synodalrätin Jacqueline Lavoyer-Bünzli, hätten sich aus dem Bereich der Care Ökonomie zu weit zurückgezogen, nun gelte es, die eigene Rolle „im aktuellen Kontext neu zu interpretieren und einzubringen“. Dies müsse abgekoppelt von der Frage der Bezahlung dieser Dienste geschehen. Bestätigt wurde dies von Céline Ehrwein Nihan, Beauftragte für Sozialethik des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes: „Die quantitative ökonomische Erfassung unbezahlter Pflege- und Hilfsleistungen läuft Gefahr, den eigentlichen Wert dieser menschenverbindenden Gabe zu gefährden.“

In Workshops wurde das Thema „Care Ökonomie als Aufgabe für die Kirchen“ konkretisiert. Auf Bundesebene solle sich die Kirche gegen eine Erhöhung des Rentenalters stark machen, auch um negative Konsequenzen im Care-Bereich zu verhindern, so die Teilnehmerinnen. Für die diakonische Arbeit wurden Vorschläge zur Unterstützung der in der Care-Arbeit aktiven Menschen präsentiert.

Die nächste Frauenkonferenz findet am 29. März 2010 in Bern statt.