Diakoniekonferenz des Kirchenbundes zum helfenden Handeln in Judentum und Islam

Die Diakoniekonferenz des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes diskutierte letzten Dienstag in Bern mit Vertreterinnen und Vertretern des Judentums und des Islams Konzepte der Wahrnehmung sozialer Verantwortung in den monotheistischen Religionen.
Evangelischer Pressedienst

Der Glauben motiviert zum Helfen – nicht nur im Christentum. Das Gebot gegenseitiger Solidarität und Hilfe findet sich in allen Religionen. In der Wahrnehmung sozialer Verantwortung engagieren sich überall auf der Welt Gläubige für eine Kultur menschlicher Zuwendung. Und doch gibt es Unterschiede.

„Helfendes Handeln in Judentum und Islam“ lautete der Titel der Diakoniekonferenz des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes vom 13. November. Rund 40 Delegierte und Gäste der 26 Kirchen des Kirchenbundes sowie aus diakonischen Einrichtungen und Organisationen beschäftigten sich in Bern mit dem sozialen Handeln in den beiden grossen monotheistischen Religionen neben dem Christentum.

„Ein Konzept des Dienens hat sich im islamischen Kontext nie entwickelt“, so Dr. Rifa’at Lenzin, Islamwissenschaftlerin und Co-Leiterin des Zürcher Lehrhauses. Auch gebe es kein Armutsideal. Wohltätigkeit sei religiöse Verpflichtung zum sozialen Ausgleich. Die „Sozialabgabe mit Steuercharakter, Zakah“ genannt, sei einer der fünf Pfeiler der islamischen Glaubenspraxis. Mit der Zahlung von 2,5% des Vermögens mache der Gläubige den Rest des Vermögens „rein, oder islamisch gesprochen halal“. Die Zakah sei das „Recht des sozial Schwächeren am Wohlstand der Bessergestellten“, so Lenzin.

Die Institution des Zarah war ein „integraler Teil der islamischen Finanzstrukturen, welche die Entwicklung des Gemeinwesens, die Gesellschaft und die Wirtschaft beeinflussten“. Die Kolonialzeit habe dies grundlegend geändert, betonte Lenzin: „Die Kolonialherren führten eigene Steuersysteme ein und verdrängten die Institution des Zakah.“ Bis heute hätte die Zakah als Pfeiler der Wohlfahrt nicht wieder etabliert werden können, auch wenn sie einzelne Länder wieder eingeführt hätten.

Die „Zdaka als ausgleichende Gerechtigkeit im Judentum“ wurde durch den Oberrabbiner der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich Marcel Yaïr Ebel vorgestellt. Das jüdische Zdaka bedeute „das Verteilen von Almosen“, so Ebel. Der Akt des Gebens sei als „Fortsetzung der unendlichen Güte Gottes“ zu verstehen. Der Geber werde zum „Mittler zwischen Gott und unseren Mitmenschen“. Ebel: „Unser materieller Reichtum dient im Grunde nur dazu, als ausgleichende Gerechtigkeit zu wirken.“

Zdaka sei „keine Tugend, sondern Pflicht“, betonte der Rabbiner. In der Regel sollten 10% des Einkommens für Zdaka verwendet werden. Die beste Form sei die Hilfe als Ermöglichung der Selbsthilfe; „einem Menschen zu helfen, dass er sich selbst versorgen kann, im Idealfall, indem man ihm eine Arbeit verschafft“, so Ebel. Die Hilfe sollte anonym geschehen. Ebel: „Es ist lobenswert zu geben, bevor man gefragt wird.“

In Workshops wurden die Referate an praktischen Beispielen reflektiert. Eran-Shoham Simchi stellte den Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen VSJF vor. Über das soziale Angebot der Mahmud Moschee in Zürich sprach dessen Imam Sadaqat Ahmed. Abgesehen von punktuellen Kontakten, beispielsweise im Asylbereich, existiert gegenseitig wenig Kenntnis von den Angeboten und Vorgehensweisen der anderen Religionen. Der Bedarf nach Austausch ist allerdings vorhanden: Es sollen nun die regionalen Kontakte intensiviert und in einem nächsten Schritt gemeinsame Weiterbildungen realisiert werden.

Im geschäftlichen Teil der Diakoniekonferenz wurde der Diakon Eric Vuithier, Mitglied und Sekretär des Dachverbandes „Association diaconale romande“, in den Ausschuss der Konferenz gewählt. Die kommende Diakoniekonferenz findet am 16. April 2013 in Bern statt.

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