Weibliche Care-Arbeit: ein blinder Fleck der Prekaritätsdebatte

„Prekarität hat ein Geschlecht und das ist weiblich“, so der Titel der Frauenkonferenz des Kirchenbundes. Kirche und Diakonie müssen sich für die Anerkennung weiblicher Care-Arbeit einsetzen, so die Delegierten am 29. Oktober in Bern.
iStockphoto.com

Prekarität: ein Leben in Unsicherheit, in der ständigen Angst vor dem Abstieg in die Armut. Unter dem Titel „Prekarität hat ein Geschlecht und das ist weiblich“ fokussierte die Frauenkonferenz des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes an diesem Montag in Bern die Tatsache, dass vor allem Frauen von Armutsängsten betroffen sind.

Die klassische Definition von Prekarität verengt den Blick auf die Erwerbstätigkeit, konkret „auf das Idealbild eines männlichen Familienernährers“, so Michèle Amacker in ihrem Referat. Die Mitarbeiterin am Interdisziplinären Institut für Geschlechterforschung der Universität Bern forderte, bislang nicht beachtete „blinde Flecken der Prekaritätsdebatte“ einzubeziehen. So müssten die zu 80 Prozent unbezahlten privaten pflegerischen oder betreuenden Tätigkeiten beachtet werden: zwei Drittel dieser Care-Arbeit werde von Frauen geleistet.

„Auch das System sozialer Sicherheit ist auf Erwerbstätigkeit ausgerichtet“, ergänzte Amacker. Hier gebe es viel Reformbedarf. Dazu zähle die Verdoppelung der Hilflosenentschädigung bei Pflege zu Hause oder eine bessere Absicherung der Pensionen bei tiefen Einkommen und Teilzeitarbeit.

Die kirchlich-diakonische Perspektive begegne der Prekaritätsdebatte mit dem Prinzip der „Teilhabe“, so Simon Hofstetter vom Kirchenbund: „Niemand darf von den grundlegenden Möglichkeiten zum Leben ausgeschlossen sein.“

Das christliche Teilhabeverständnis lege Einspruch ein „gegen die Verabsolutierung von Erwerbstätigkeit“. Es fordere Gleichbehandlung und wende sich gegen jede Diskriminierung. Die Forderung nach einem gerechten Lohn gehöre ebenso zum Prinzip christlicher Teilhabe wie die nach einem Minimum an Arbeitsplatz- und Einkommenssicherheit. „Care-Arbeit geschieht an vielen Orten, aber an keinem gesellschaftlich anerkannten.“ Diese Anerkennung müsse gefördert werden, betonte Hofstetter.

Die Diskussion wurde in mehreren Workshops weiterentwickelt. Die Kirche solle eine „Kultur des Willkommens und der Gastfreundschaft“ pflegen, indem sie etwa Räume für Menschen in prekären Lebensverhältnissen zur Verfügung stellt, so die Teilnehmenden.

Auch sollten die Kirchen die Situation ihrer Angestellten im Hinblick auf Prekarisierung überprüfen. Putzpersonal, Katechetinnen, Organisten und Sigristinnen können betroffen sein, wenn sie wegen zu kleiner Pensen nicht pensionskassenversichert sind. Sogar im Pfarramt gäbe es prekäre Arbeitsverhältnisse, wenn etwa niedrige Anfangslöhne und Teilzeitpensen mit unsicheren Stellensituationen und ungeregelten Arbeitszeiten zusammenfielen.

Verfasser: 
SEK