Als Heimatlose Fremden begegnen

Eine vom Ökumenischen Rat der Kirchen, dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund und den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn organisierte Tagung beschäftigte sich unter dem Titel „Heimat(en)?“ mit dem Thema Migration aus theologischer Sicht. Die jüdisch-christliche Tradition ist wesentlich geprägt durch Geschichten von Flucht, Vertreibung und Heimatlosigkeit. Wenn Christinnen und Christen sich als Pilger verstehen, prägt dies auch ihr Verhältnis gegenüber Migrantinnen und Migranten. Gleichzeitig ist wirkliche Heimat kein geografischer Ort, sondern ein Aufgehoben-sein in Gott.

Kirche sein bedeutet auch, sich auf die Seite der Fremden, der Flüchtlinge, der Zugewanderten zu stellen. Allerdings fehlt in der Schweiz bislang eine vertiefte theologische Auseinandersetzung mit dem Thema. Um diese Lücke zu schliessen, trafen sich in Bern über 100 Personen aus Theologie, Kirchgemeinden und Unterstützungsorganisationen zu einer Tagung. Die Beiträge und Diskussionen unter dem Titel „Heimat(en)? Migration aus theologischer Sicht“, sollen „der Beginn zu einer breiten theologischen Auseinandersetzung mit dem Thema Migration“ sein, wie es Pia Grossholz, Vizepräsidentin der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, ausdrückte.

Vertrieben aus dem Paradies
In Recht, Politik und Gesellschaft wird ganz selbstverständlich zwischen einheimischer und zugewanderter Bevölkerung unterschieden. Während die politischen Debatten sich auf Ängste oder zumindest Vorbehalte gegenüber Migranten konzentrieren, fordern kirchliche und andere Kreise, sich ihnen mit einer Haltung der Nächstenliebe und Humanität zuzuwenden.

An der Tagung waren sich die Referentinnen und Referenten indes einig, dass die üblichen Gegenüberstellungen zu kurz greifen. Aus der Sicht des christlichen Glaubens teilen nicht nur Migrantinnen und Migranten, sondern im Grunde alle Menschen das Schicksal der Heimatlosigkeit. Diese Erfahrung sei ein menschliches Urschema, betonte Reinhold Bernhardt, Theologieprofessor in Basel. „Der Mensch weiss sich vertrieben aus dem Paradies und hofft nun, irgendwo anzukommen, das Paradies wiederzufinden.“

Entsprechend ziehe sich das Erlebnis der Heimatlosigkeit und der Entwurzelung wie ein roter Faden durch die gesamte Bibel. Allein die Bindung an Gott wird als die wahre Heimat beschrieben. Bernhardt zeigte dies am Beispiel der babylonischen Verbannung Israels: Ausgerechnet „an den Strömen Babylons“ erhalten die Israeliten den zweiten Schöpfungsbericht, der ihnen zeigt: Gerade in der Fremde ist Heimat etwas Grösseres, Umfassenderes als nur ein „Heimatland“, gerade dort sind sie in Gott aufgehoben.

Das Bewusstsein, auf Erden „keine bleibende Statt“ zu haben, heimatlos und auf der Pilgerschaft zu sein, könne als Befreiung erfahren werden. Es eröffnet den Blick für das Geschenk der künftigen Heimat, biblisch gesprochen: für das Reich Gottes, sagte Bernhardt weiter. Das sich im Kommen befindende Gottesreich meint keinen geografischen Ort, sondern eine Hoffnung, die die Grundlage christlicher Verkündigung bildet. Vor diesem Hintergrund fragte der Theologe: „Hat die Theologie vergessen, von Heimat in diesem prophetischen Sinne zu sprechen?“

Symbole der Heimat als Hilfsmittel
Das biblische Pilgermotiv bestreitet zugleich nicht, dass Menschen nicht auf eine irdische Heimat angewiesen sind. Nichts spricht dagegen, an einem geografischen Ort, in Gegenständen oder anderen Symbolen eine Heimat zu finden, sagte Amélé Adamavi-Aho Ekué, Professorin für ökumenische Ethik am Institut für Ökumene in Bossey (GE). Gefährlich werde es dann, wenn diese äusserlichen Dinge idealisiert würden oder wenn Heimat darauf reduziert werde. Denn Heimat gehe in solchen materiellen Gegenständen nicht auf.

Der Verlust des Aufgehobenseins gehöre wesentlich zur persönlichen Identitätsfindung, so sagte Ekué weiter. Dies gelte für Kinder, die sich von ihren Eltern lösen, ebenso wie für Menschen, die sich plötzlich in der Fremde wiederfinden. „Doch der Verlust von Wurzeln kann auch Freiheit bedeuten: Freiheit, Dinge zu hinterfragen, die man bisher für gegeben hielt.“ Beispielhaft dafür stehen die Jünger, die die Sicherheiten ihrer alten Leben aufgaben, um bei Jesus wirkliche Freiheit zu finden.

In verschiedenen Workshops gingen die Teilnehmenden Fragen nach wie der biblischen Sicht der Migration, deren praktische Umsetzung im Miteinander der Kulturen oder der Rolle von Migrationskirchen in der heutigen Kirchenlandschaft. Matthias Zeindler, Theologieprofessor an der Uni Bern, warnte zum Schluss vor einer „Moralisierungsfalle“, in welcher die Migrationstheologie derzeit stecke. Es sei offensichtlich, dass erhobene Zeigefinger nichts brächten. Sowohl Heimat als auch Heimatlosigkeit und Pilgerschaft müssen vor Ideologisierungen geschützt werden. Theologie habe vielmehr deutlich zu machen, dass das Heimat-Angebot Gottes allen Menschen gelte.

Referat von Reinhold Bernhardt

Verfasser: 
Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn