Die Rolle der reformierten Kirchen in der damaligen Heim- und Verdingkinderpraxis

Über die Rolle der reformierten Kirchen in der Heim- und Verdingkinderpraxis des 19. und 20. Jahrhunderts in der Schweiz ist noch sehr wenig bekannt. Dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK) ist die Aufarbeitung des Vergangenen ein grosses Anliegen, denn viele Kinder und Jugendliche wurden während langer Jahre ausgenutzt und misshandelt, während die Behörden, die Kirche und die Gesellschaft wegschauten. Aus diesem Grund hat der Kirchenbund am 21. März in Bern eine Tagung organisiert, auf der sich Historiker und Experten aus der Politik der Frage nach der reformierten Beteiligung in der damaligen Fremdplatzierungspraxis angenommen haben.
Paul Senn, FFV, Kunstmuseum Bern, Dep. GKS©GKS.

«Viele fremdplatzierte Kinder hatten es im Heim oder als Verdingkinder allzu oft eben gerade nicht besser als in ihrer Familie. Das ist der Skandal, nicht die Massnahme der Fremdplatzierung als solche»,  unterstrich der Historiker Dr. Thomas Huonker vor den ca. sechzig Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die aus der ganzen Schweiz nach Bern gekommen waren: Mitglieder der reformierten Kirche, Wissenschaftler und ehemalige Opfer.

In Ermangelung staatlich-gesellschaftlicher Strukturen spielten oftmals Pfarrer oder andere in der Kirche engagierte Personen bei der Betreuung oder Überwachung der in Familien oder Heimen fremdplatzierten Kinder eine Rolle. Zwar gab es einige unter ihnen, die auf Missstände im System hingewiesen haben. Es ist jedoch konsternierend, feststellen zu müssen, dass andere ihre Pflicht zur Verteidigung der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft nicht erfüllt haben.

Ziel der Tagung ist, zum Nachdenken anzuregen und zu Nachforschungen über die Rolle der reformierten Kirchen bei Fremdplatzierungen bis 1981 zu ermutigen. Dadurch soll auch die Anerkennung des Leids der Opfer erreicht werden. Der Kirchenbund strebt an, dass das an der Tagung behandelte Thema im Rahmen eines anstehenden Nationalen Forschungsprogrammes (NFP) weiterverfolgt wird.

Die anlässlich der Tagung gehaltenen Vorträge werden voraussichtlich Ende 2016 veröffentlicht. Der Tagungsband wird die Vorträge aller Rednerinnen und Redner enthalten. Der Band wird durch weitere Beiträge vervollständigt.

Folgende Vorträge wurden im Rahmen der Tagung gehalten:

Dr. Thomas Huonker, Historiker, Mitglied der Unabhängigen Expertenkommission zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der administrativen Versorgungen (UEK) - Die Praxis fürsorgerischer Zwangsmassnahmen bis 1981: das politische, soziale und geistige Umfeld, die Akteure, die Betroffenen.

Dr. Loretta Seglias, Historikerin, Mitglied der Unabhängigen Expertenkommission zur wissenschaftlichen Aufarbeitung administrativer Versorgungen (UEK) - Protestantische Akteure der Fremdplatzierungspraxis in der Deutschschweiz eine erste Annäherung

Prof. Pierre Avvanzino, Honorarprofessor Ecole d’Etudes sociales et pédagogiques Lausanne - Protestantische Akteure der Fremdplatzierungspraxis in der Romandie

Prof. Dr. Luzius Mader, Stellvertretender Direktor des Bundesamts für Justiz, Delegierter für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen - Handlungsmöglichkeiten der reformierten Kirchen im Prozess der Aufarbeitung

Florian Fischer, Historiker, Wissenschaftlicher Archivar, Synodalrat der Reformierten Kirche des Kantons Luzern - Handlungsmöglichkeiten der reformierten Kirchen im Prozess der Aufarbeitung

Manuel Tornare, Nationalrat SP (GE) - Die Aufarbeitung der Fremdplatzierungspraxis aus politischer Perspektive