Die Bekehrung zur Reformation

Die Frage, wann Calvin seine Bekehrung hin zur Reformation erfahren hat, ist Gegenstand unzähliger Untersuchungen, wobei die Belege spärlich sind. Calvin gibt selber an, er habe solch eine Bekehrung (subita conversio) erlebt. Calvin schreibt das im Rückblick, aber er gibt keine Jahreszahl an. Es muss vor dem 4. Mai 1534 gewesen sein, denn da reist Calvin nach Noyon und verzichtet auf seine Pfründen - und das ist zu verstehen als Konsequenz seiner Abwendung vom Katholizismus. Die Bekehrung könnte auch schon 1533 stattgefunden haben. Das ist dann anzunehmen, wenn Calvin an der Abfassung der sogenannten Cop-Rede beteiligt war. Das aber ist unsicher.

Der Mediziner Nikolaus Cop, Rektor der Pariser Universität, an der auch Calvin studiert, hält am 1. November 1533 in der Kirche des Mathurins eine Ansprache zur Semestereröffnung. Diese Ansprache, eine Auslegung der Seligpreisungen aus der Bergpredigt, ist inhaltlich ein Lob auf das Evangelium, Cop bekennt sich also zur Reformation. Die Franziskaner, in deren Kirche die Rede gehalten wird, bezichtigen Cop umgehend der Häresie, und einige Wochen nach der Rede flieht Cop aus Paris in seine Heimatstadt Basel. Sehr kontrovers wird in der Calvin-Forschung diskutiert, ob Cops Rede zum Teil jedenfalls von Calvin stammt. Wenn das stimmt, wäre Calvin schon im Herbst 1533 reformatorischer Gesinnung gewesen.

Im Oktober 1534 findet in Paris die sogenannte Plakataffäre statt. Plakate gegen die Messe werden öffentlich ausgehängt; daraufhin werden die „Lutheraner“, wie man die reformatorisch Gesonnenen bezeichnet, als Urheber dieser Verschwörung gegen die öffentliche Ordnung und die Religion benannt. Calvin hatte im Vorfeld der Plakataktion Aufmerksamkeit dadurch erregt, dass er sich offen zum evangelischen Glauben bekannt und auch tatkräftig dafür geworben hatte. Jedenfalls: Calvin flieht auch aus Paris und sucht nach einem ruhigen Aufenthaltsort, um seine Studien fortsetzen zu können. Er beabsichtigt, einen Katechismus für die französisch sprechenden Evangelischen zu schreiben. So verzieht er in den ersten Wochen des Jahres 1535 nach Basel.

Letztlich wird man in der präzisen Datierung vorsichtig zu sein haben. Für Calvin mag es ein einzelnes Ereignis gewesen sein, aber es kann sich ebenso um einen längeren Prozess gehandelt haben. Entscheidend ist das Resultat: Calvin hat bis zum Jahr 1534 eine „conversio“ erlebt, eine Hinwendung zum Evangelium, die ihn zu deutlichen Konsequenzen veranlasst.