Erster und zweiter Genfer Aufenthalt

In Basel lebt Calvin unter einem Pseudonym «Lucianus», einem Anagramm aus Calvinus. Er arbeitet weiter an einem evangelischen Katechismus für die französischen Reformierten, und im August 1535 schließt er sein Werk ab; gedruckt liegt es im März 1536 vor. Neben der Abfassung seines Katechismus, den er «Institutio christianae religionis» (Unterricht in der christlichen Religion) nennt, studiert er weiter die Bibel, Werke Martin Luthers und Philipp Melanchthons und auch Martin Bucers. Spätestens hier lernt er hebräisch und liest auch die Scholastiker; er muss ein ungeheures Arbeitspensum absolviert haben.

Im April 1536, gleich nachdem seine Institutio erschienen ist, reist Calvin nach Paris und trifft seine Geschwister wieder. Dann will er weiter nach Straßburg reisen, wo er Bucer und andere treffen will. Aber: Den direkten Weg kann Calvin nicht nehmen, weil zwischen König Franz I. von Frankreich und dem Kaiser Karl wieder einmal Krieg herrscht. Und so reist er über Lyon und Genf. Das hat Folgen.

Die Reformation war 1535 in Genf eingeführt worden und Farel hatte vieles schon erreicht. Aber da in Genf die Reformation seitens des Rates der Stadt auch eingeführt worden ist, um die Selbstständigkeit der Stadt Genf gegenüber den Bischöfen zu betonen, fehlt es der Reformation an Genf an inhaltlicher Verwurzelung. Die römisch-katholische Partei ist weiterhin einflussreich, und Farel sah sich allein überfordert. Und so trifft es sich, dass Calvin in Genf bleibt, und zwar nicht als Pastor oder Prediger, sondern als «Lektor der Heiligen Schrift an der Genfer Kirche». Aber schon sehr bald wird er aufgefordert, auch zu predigen und am Aufbau der Kirche mitzuwirken. 

1537 macht Calvin dem Rat der Stadt einen Vorschlag zur Neuorganisation der Kirche. Darin wird ein Grundzug der Theologie Calvins deutlich: Es geht ihm immer um die Gestalt der Kirche und also darum, wie sie lebt. Zwar will er keine exklusive Gemeinschaft der Erwählten - das war das Konzept der Täufer. Vielmehr versteht Calvin die Kirche als Gemeinschaft derer, die aus eigenen Stücken dazugehören wollen. Deshalb setzen er und Farel ein Glaubensbekenntnis auf (Confession de foí), das von allen Genfern unterschrieben werden soll, «um festzustellen, wer sich dem Evangelium beipflichten und wer lieber zum Reich des Papstes als zum Reich Christi gehören will». (Zitiert nach Wendel, 35)

Außerdem führt er einige weitere Änderungen ein: In den Gottesdiensten werden Psalmen gesungen - noch heute ein Kennzeichen reformierter Gemeinden weltweit.

Ein katechetischer Unterricht wird aufgebaut, ein Katechismus geschrieben, viel kürzer als die Institutio und deutlich an Luthers Kleinen Katechismus angelehnt. Aber der Rat der Stadt tut sich schwer mit Calvins Reformvorschlägen. Man stimmt den Anträgen erst nach langem Zögern zu. Die Lage eskaliert, als man den Einwohnern von Genf unterbreitet, sie möchten doch das Glaubensbekenntnis unterschreiben. Viele wollten das nicht, und so wachsen durch dieses fehlgeschlagene Experiment die Spannungen zwischen den Katholiken und den Evangelischen. Es war wohl ein Fehler Calvins, sich hier durchsetzen zu wollen. Der Widerstand gegen Calvin wächst. 1538 gibt es Wahlen in Genf, und dort tragen die Oppositionsparteien, die eher römisch-katholisch gesonnen sind, den Sieg davon. Neben der allgemeinen Unruhe in der Bevölkerung sorgen auch die Wiedertäufer für zusätzliche Probleme. Und es werden schwere auch dogmatische Anschuldigungen gegen Farel und Calvin erhoben, etwa, dass Calvin ein Arianer sei und die göttliche Natur Christi leugne.

Diese Unterstellung trifft Calvin inhaltlich nicht, er ist keineswegs ein dem Arianismus nahestehender Theologe. Aber Calvin geht auf die Vorwürfe nicht ein. Deshalb wird die Sache nach Bern gebracht, wo Calvins Haltung Verdacht erregt. Es werden keine Konsequenzen gezogen, aber Calvins Position in Genf ist durch diese Unterstellungen geschwächt worden. Die Wahlen von 1538 hatten der Opposition die Mehrheit gebracht, und der neue Rat verbietet es Calvin und Farel, am Ostersonntag zu predigen. Calvin und Farel setzen sich über das Gebot hinweg, daraufhin werden sie ihres Amtes enthoben und müssen innerhalb von drei Tagen die Stadt verlassen.

Es scheint, dass die Genfer Zeit nur eine Episode gewesen ist; gerade einmal zwei Jahre ist Calvin in Genf gewesen. Calvin will nach Basel zurückkehren und dort seine Studien wieder aufnehmen, Farel wird schon im Juli nach Neuchâtel berufen. Freunde kritisieren Calvin für seine Halsstarrigkeit, und auch er selber sieht ein, dass er verkehrt und zu stur gehandelt hat und zieht daraus den Schluss, dass er für eine öffentliche Wirksamkeit nicht in Frage kommt, sondern eher ein stilles Gelehrtendasein führen will und soll.

So weigert er sich auch eine ganze Weile lang gegen die Bitte der Straßburger, zu ihnen zu kommen und die dortige französische Flüchtlingsgemeinde als Pastor zu betreuen. Aber schließlich kommt er doch, weil ihn Martin Bucer und Wolfgang Capito eindringlich bitten. Straßburg ist 1538 eines der bedeutendsten Zentren des deutschen Protestantismus. Bucer und Capito haben, obwohl sie sich 1536 der Wittenberger Reformation angeschlossen hatten, Selbstständigkeit bewahrt, auch theologisch. Bucer gilt als der wichtigste Verhandlungsführer der evangelischen Partei schlechthin.

Calvin wird also Pastor der französischen Flüchtlingsgemeinde und baut sie nach Straßburger Vorbild auf, übernimmt die Gottesdienstordnung der Straßburger und gestaltet sie nur unwesentlich um. Daneben aber hat er an der neugegründeten Hochschule einen Lehrstuhl für Exegese inne, wo er das Johannesevangelium und dann einige Paulusbriefe auslegt; seine Kommentare sind auch gedruckt worden.

Vor allem arbeitet er an einer neuen Ausgabe seiner Institutio, die 1539 erscheint. War es vorher eher ein ausführlicher Katechismus gewesen, der sich zudem noch an Luthers Theologie orientiert, ist es jetzt ein eigenständiges umfangreiches Lehrbuch der Dogmatik. Die Straßburger Zeit ist ausgefüllt. Jede Woche hält er vier Predigten, seine Vorlesungen, arbeitet seine Bücher aus und unternimmt auch noch mehrere Reisen, um an Religionsgesprächen teilzunehmen, etwa 1539 in Frankfurt/Main. Dort macht Calvin die Bekanntschaft mit Melanchthon, und zwischen beiden entsteht eine Freundschaft. Der engste Mitarbeiter Luthers wird also zum Freund Calvins. Vor Luther hat Calvin zeit seines Lebens großen Respekt, auch Luther äußert sich positiv über Calvin, aber gleichzeitig hat Calvin in Luthers letzten Lebensjahren Mühe mit dessen Starrköpfigkeit.

Die lutherischen Gemeinden in Deutschland legen, so findet Calvin, zu wenig Akzent auf das kirchliche Leben und richten sich noch viel zu sehr nach den römisch-katholischen Liturgien und Messformen; auch empfindet er die Abhängigkeit von den Fürsten als äußerst problematisch. Die Lage in Straßburg scheint für Calvin günstig, und so sieht es so aus, dass Calvin auf lange Zeit dort bleiben wird. 1539 erhält er auf eigenen Wunsch das Bürgerrecht in der kleinen Republik. Und auch seine finanzielle Lage verbessert sich, nachdem er anfangs sogar einen Teil seiner Bücher hat verkaufen müssen.

Man denkt in seiner Umgebung auch daran, ihn zu verheiraten; von allein scheint ihm der Gedanke nicht gekommen zu sein. Zwei Versuche scheitern. Endlich willigt Calvin ein, Idelette de Bure zu heiraten. Sie ist die Witwe eines Wiedertäufers, den er selbst bekehrt hatte. 1540 kommt Farel aus Neuchâtel angereist, um beide zu trauen.

In Genf hatten sich unterdes manche unerfreulichen Dinge ereignet. Nach der Abreise Farels und Calvins war im kirchlichen Leben viel in Unordnung geraten; Freunde Calvins in Genf nahmen den Versuch auf, die Nachfolger Calvins und Farels nicht anzuerkennen, was Calvin zum Eingreifen veranlasst: Er fordert die Anerkennung der neuen Pastoren. Es kommt dann zur Beruhigung, aber zu einer unsicheren. Bern versucht, die Kontrolle über Genf zu bekommen. Dann werden auch die Nachfolger aus der Stadt gejagt. Man fürchtet einen Konflikt, sogar einen bewaffneten. Die Reformierten bewegen einen Teil der Gegner zur Einsicht, dass die Ordnung nur wieder hergestellt werden könne, wenn Calvin so schnell wie möglich zurückgerufen werde. Am 20. Oktober 1540 macht sich eine Gesandtschaft aus Genf nach Straßburg auf, um Calvin zur Rückkehr nach Genf zu bewegen. Calvin zögert - und lehnt ab. Auch Farel stellt sich in den Dienst der Genfer und sucht Calvin zu überreden, ohne Erfolg. Bucer will Calvin gerne in Straßburg behalten. Der ganze Werbungsversuch dauert insgesamt mehr als ein halbes Jahr, und schließlich willigt Calvin ein, für einige Wochen zurückzukehren. Am 13. September 1541 kommt Calvin wieder in Genf an, jedoch entgegen seiner Planung nicht nur für einige Monate, sondern für den Rest seines Lebens.